https://www.faz.net/-gpf-7o75a

Aufruhr in der Ost-Ukraine : Kümmerliche Volksversammlung

Unter neuer Flagge: Prorussische Aktivisten halten hinter Reifenbarrikaden die Regionalverwaltung von Donezk besetzt Bild: AFP

Der Umsturzversuch im ostukrainischen Donezk befindet sich im Schwebezustand. Der bei weitem mächtigste „Oligarch“ des Donbass, der Milliardär Achmetow, traf sich mit Separatisten und Polizisten - um Schlimmeres zu verhindern.

          Jenseits aller Legenden ist der Gouverneurspalast in der ostukrainischen Stahlmetropole Donezk vor allem ein turmhoher Betonklotz im Stil der spätsowjetischen Monumentalarchitektur – massig genug, um mit seiner wuchtigen Präsenz viele der Theorien über das zu relativieren, was in diesen Tagen im Osten der Ukraine geschieht. Am Dienstag, als wieder einmal prorussische Demonstranten mit Fahnen, Helmen und Knüppeln das Gebäude umlagerten, hat seine Größe vor allem die Behauptung Lügen gestraft, hier stehe „das Volk“, das heißt die russisch sprechende Einwohnerschaft der Industrieregion Donbass, wie ein Mann auf, um sich der russischen Mutternation anzuschließen.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Realität am Fuße des Betongebirges „Gouverneurspalast“ war dann viel kümmerlicher: Es waren höchstens ein paar hundert Demonstranten gekommen, sie reichten nicht einmal aus, die gesamte Breite der Fassade einzufassen. Die Menge am verbarrikadierten Haupteingang war nur ein paar Schritte tief, und wer sie durchmessen hatte, fand sich schnell wieder in einer ganz normalen Großstadt, die ruhig ihrem Alltag nachging, deren Studenten in der Sonne vor der Universität plauderten, und deren Hausfrauen mit ihren Hunden spazieren gingen.

          Dennoch ist der Gouverneurspalast von Donezk, zugleich der Sitz der Verwaltung und des Regionalparlaments, seit dem Wochenende das Zentrum jener Welle von prorussischen separatistischen Vorstößen, die in den vergangenen Tagen den Osten der Ukraine erschüttert haben. Fast gleichzeitig mit ihm sind die Verwaltungssitze der benachbarten Gebiete Charkiw und Luhansk besetzt worden, sowie zumindest zeitweise die Sitze des Geheimdienstes SBU in Donezk und Luhansk.

          In Donezk ist der Palast am Dienstag Nachmittag weiter in der Hand der Demonstranten gewesen, die am Montag – ähnlich wie in Charkiw – eine von der Ukraine getrennte „Volksrepublik Donezk“ ausgerufen haben. In seinem von der Erstürmung am Sonntag immer noch heftig lädierten Inneren tagte eine Art „konstituierende Versammlung“, um nach der „Proklamation der Unabhängigkeit“ eine „Regierung“ zu bestimmen – und auch hier hat der Augenschein einige gängige Theorien über den Charakter der gegenwärtigen Unruhen zumindest relativiert.

          Zunächst hat der erstürmte Gouverneurssitz zwar so ausgesehen, wie erstürmte Gebäude gemeinhin aussehen: Türen und Scheiben waren eingeschlagen, in vielen Büros – auch in dem des Gouverneurs – zeugten auf dem Boden verstreute Akten, Tassen und Nippesfiguren von Zerstörungslust. Der Strom im Gebäude war am Dienstag zeitweise war abgeschaltet, so dass die Aufzüge stillstanden und Menschentrauben sich im Treppenhaus drängten. Überall saßen, lagerten und lehnten maskierte knüppelbewehrte Männer und missachteten das Rauchverbot.

          „Volksrepublik Donezk“ ausgerufen

          Die Versammlung, die am Dienstag um die Mittagszeit in einem Konferenzraum im obersten Stockwerk stattfand, stellte gleich mehrere Annahmen über die Natur dieses Aufstands auf den Prüfstand. Die Anwesenden teilten mit, dass hier die konstituierende Volksversammlung der „Volksrepublik Donezk“ tage. Die Realität war dagegen, dass mehrere Dutzend Männer und einige Frauen, die einander meist nicht einmal dem Namen nach kannten, heiser durcheinanderschrieen. Dies soll, wie betont wurde, dem Umstand geschuldet gewesen sein, dass der Strom abgeschaltet war und keine Mikrofone zur Verfügung standen. Führungsfiguren waren schwer auszumachen. Wer gerade sprach wurde dauernd unterbrochen, und als man soweit war, eine Führung zu wählen, war man sich nicht einmal einig, ob man diese „Präsidium“, „Rat“ oder „Sekretariat“ nennen sollte.

          Weitere Themen

          „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“ Video-Seite öffnen

          Repräsentantenhaus gegen Trump : „Die Kommentare sind schändlich und ekelhaft“

          Präsident Donald Trump hat auf Twitter vier Parlamentarierinnen geraten, sie sollten „dahin zurückgehen, wo sie herkamen, und helfen, diese total kaputten und kriminalitätsverseuchten Orte wieder in Ordnung zu bringen“. Das hat einen Sturm der Empörung unter den Demokraten und vielen Bürgern ausgelöst.

          Topmeldungen

          AKK zieht ins Kabinett ein : Sie musste springen

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat es bislang vermieden, den Weg zur Kanzlerkandidatur über das Bundeskabinett zu gehen. Woher kommt der Sinneswandel?
          Lange Zeit störte sich kaum jemand an Geisterhäusern wie diesem in Berlin-Friedenau, das ändert sich.

          FAZ Plus Artikel: Umgang mit Schrottimmobilien : Haus mit Vormund

          Manche Eigentümer lassen ihre Immobilien verkommen und leer stehen. Bußgelder beeindrucken sie nicht. Berlin will nun solche Häuser erstmals an Treuhänder übergeben, die sie sanieren sollen. Könnte am Ende könnte eine „Enteignung light“ stehen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.