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Die türkisch-israelischen Beziehungen : Eine dauerhafte atmosphärische Störung

Palästinensische Demonstranten halten am Tag der Militäraktion in Gaza-Stadt eine türkische Flagge hoch Bild: dpa

Ihr Verhältnis galt einmal als beispielhaft. Aber seit Beginn des Gaza-Krieges Ende Dezember 2008 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei zusehends. Nun stehen sie vor ihrer härtesten Probe.

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          Auf die auch im Ausland viel gerühmte neue Außenpolitik der Türkei hält man sich in Ankara einiges zugute. Das Land wende sich damit nicht von Europa ab, sondern nur seinem alten Hinterland oder Vorhof wieder zu, versichert der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu immer wieder. Tatsächlich hat sich die Türkei unter der Anleitung Davutoglus, der schon vor seiner Ernennung zum Chef der türkischen Diplomatie der maßgebliche außenpolitische Denker innerhalb der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung des Ministerpräsidenten Recep Erdogan war, neue Wirkungsfelder erobert - beziehungsweise, wenn man der Sicht ihres Vordenkers folgen will, alte zurückerobert.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Dabei war die Türkei bei der Annäherung an Armenien sowie als Vermittlerin im Atomstreit mit dem Iran scheinbar, in der Schlichtung diplomatischer Konflikte zwischen den balkanischen Nachbarn Serbien und Bosnien sowie bei der Annäherung an die Ukraine und mit anderen Vorstößen tatsächlich erfolgreich. Erklärtes Ziel von Davutoglus Politik ist es, zu allen Nachbarstaaten in der Region reibungslose Beziehungen zu etablieren, um die Gestaltungsfähigkeit der türkischen Diplomatie zu erweitern.

          Mit einigen Nachbarn, etwa dem Irak und vor allem mit Syrien, funktioniert das gut. Schon seit mehr als einem Jahr ist aber unübersehbar, dass sich die einst guten Beziehungen zu Israel verschlechtern. Die einzelnen Anlässe dieser Verschlechterung stehen nicht in einem direkten Zusammenhang zueinander, fügen sich aber ein in das Bild einer nun schon dauerhaften atmosphärischen Störung. Als deren Ausgangspunkt gilt der Beginn des Gaza-Krieges Ende Dezember 2008, als Erdogan sich von dem damaligen israelischen Ministerpräsidenten Olmert übergangen wähnte, da dieser ihn über die israelischen Pläne im Dunkeln gelassen und somit bloßgestellt habe.

          Die Beziehungen der Türkei zu Syrien sind noch intakt: Ministerpräsident Erdogan und der syrische Präsident Assad
          Die Beziehungen der Türkei zu Syrien sind noch intakt: Ministerpräsident Erdogan und der syrische Präsident Assad : Bild: AP

          Erdogan holte sich seinen Applaus auf der muslimischen Straße

          Vor dem türkischen Parlament kritisierte Erdogan daraufhin unter anderem die „von Juden unterstützten Medien“, die ein Zerrbild der Lage in Gaza verbreiteten. Für weltweites Aufsehen sorgte bald darauf der Zwischenfall auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Ende Januar vergangenen Jahres, als der zur Impulsivität neigende Erdogan unter wütendem Protest eine Podiumsdiskussion verließ. Zuvor war ihm seiner Darstellung nach nicht genügend Redezeit zugebilligt worden, um Israels Präsidenten Schimon Peres zu antworten, der die Militäroffensive im Gazastreifen zu rechtfertigen versucht und für seine Ausführungen zum Ärger des türkischen Regierungschefs Applaus vom Publikum erhalten hatte.

          Erdogan holte sich seinen Applaus daraufhin anderswo, nämlich auf der muslimischen Straße. Der Jubel in der muslimischen Welt im Allgemeinen sowie in der Türkei im Besonderen war dem „Helden von Davos“ fortan sicher. Im Westen sorgte unterdessen weniger Erdogans Kritik an Israel für Befremden, als seine Verherrlichung oder zumindest Verharmlosung der Hamas. Ob kalkuliert oder echt - bei den bald darauf stattfindenden türkischen Lokalwahlen hat der Wutausbruch von Davos dem türkischen Regierungschef und seiner Partei nicht geschadet. Seit Davos gab es mehrere weitere Anlässe, die das türkisch-israelische Verhältnis auf die Probe stellten.

          Im August 2009 erklärte das israelische Außenministerium weitere türkische Vermittlungsbemühungen zwischen Israel und Syrien für unerwünscht, wenige Wochen später verbat sich Ankara die Teilnahme Israels an einem gemeinsamen Manöver, was Erdogan damit begründete, seine Regierung müsse Rücksicht auf die Stimmung im türkischen Volk nehmen. An eine Farce gemahnte ein Zwischenfall im Januar dieses Jahres, als der türkische Botschafter in Israel in das Außenministerium einbestellt und dort vor versammelter Presse in eine kalkuliert demütigende Lage gebracht wurde. Unter anderem bot man dem Diplomaten einen Sessel an, der viel niedriger war als die Sitzgelegenheiten seiner Gastgeber.

          Zwar hat sich der für diese absichtsvolle protokollarische Entgleisung verantwortliche stellvertretende israelische Außenminister später entschuldigt, um einen Rückruf des türkischen Botschafters abzuwenden - aber da war der Schaden längst angerichtet. Nach israelischer Darstellung hatte der Eklat seinen Ursprung allerdings in der Türkei, wo in nationalistischen Fernsehserien israelische Soldaten oder Geheimdienstler als Blutsäufer und Kindermörder dargestellt worden waren, was eine Mehrheitsmeinung in der Türkei wiedergibt. Das jüngste Ereignis wird Erdogan in seiner Weltsicht bestätigen, allein Israel lasse sich Verbrechen zuschulden kommen. Und es dürften nicht der letzte Vorfall sein, der die Verschlechterung der Beziehungen von zwei Staaten illustriert, deren Verhältnis einst als beispielhaft galt.

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