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So stark wie lange nicht : Die erbarmungslose Rückkehr der Taliban

Knappes Drittel der Gebiete ist umkämpft

Dabei fallen nach und nach immer weitere Gebiete in die Hände der Aufständischen. Wie viel Prozent des Landes sie inzwischen kontrollieren, darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Unter deutschen Afghanistan-Fachleuten gelten die Vierteljahresberichte des amerikanischen Sonderinspektors für den Wiederaufbau Afghanistans als gute Quelle. Die seit Mai 2016 erhobenen Daten sprechen eine klare Sprache. Langsam aber sicher entgleitet Kabul die Kontrolle. Standen im Mai 2016 noch zwei Drittel des Landes unter Kontrolle der Regierung, waren es zwei Jahre später nur noch 56 Prozent. Ein knappes Drittel aller Gebiete ist inzwischen umkämpft. 14 Prozent beherrschen die Aufständischen das sind fünf Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

Deutsche Afghanistan-Fachleute zeigen sich angesichts der Entwicklungen alarmiert. Denn die Strategie der Regierung in Kabul, ihr Augenmerk auf die Städte zu konzentrieren, scheint immer weniger aufzugehen. „Inzwischen kontrollieren die Taliban nicht mehr nur Teile des ländlichen Raums. Sie können auf wichtige Städte Druck ausüben“, sagt Thomas Ruttig, Mitgründer des „Afghanistan Analysts Network“ gegenüber FAZ.NET. Ruttig schätzt, dass etwa zehn Provinzstädte ein ähnliches Schicksal drohen könnte wie Ghazni. Zumal der Übergang zwischen Stadt und Land in Afghanistan oftmals fließend sei. Mancherorts gäbe es bereits Viertel, in denen Taliban am helllichten Tag herumspazieren und Steuern eintreiben würden.

Zwei Aspekte spielen den Aufständischen in die Hände: Da ist zunächst der bedauernswerte Zustand der afghanischen Sicherheitskräfte. Was auf dem Papier mit 350.000 Soldaten und Polizisten nach einer imposanten Truppe aussieht, lässt sich auf dem Boden nicht mit westlichen Sicherheitskräften vergleichen. Ausrüstung, Disziplin und taktische Versiertheit gelten unter ehemaligen deutschen Ausbildern in großen Teilen als schwach. Lange Abwesenheitszeiten sind keine Seltenheit, die Zahl der Überläufer zu den Taliban ist hoch. Manche Beobachter schätzen sie auf ein Drittel. Hinzu kommt, dass die Afghanen in den meisten Fällen inzwischen ohne ausländische Unterstützung kämpfen müssen. Zwar leisten die Amerikaner immer wieder Luftunterstützung.

Doch die Zeit der internationalen Kampftruppen ist so gut wie vorbei. 2012 setzt die Regierung von Amerikas damaligen Präsidenten Barack Obama bei einem internationalen Gipfel in Chicago durch, dass die Kampf- und Stabilisierungsmission Isaf in eine Ausbildungsmission umgewandelt wurde. Ein Entschluss, dem sich viele der truppenstellenden Nationen gerne anschlossen – auch Deutschland. Der Einsatz war angesichts der zahlreichen Kämpfe mit vielen Gefallenen über Jahre immer unbeliebter geworden. Große westliche Staaten zogen sich aus ihr zurück. Kanada zum Beispiel, aber auch Frankreich. Inzwischen stellen nur noch Amerika mit knapp 8500 und Deutschland mit 1300 Soldaten vierstellige Kontingente für die Nato-geführte Ausbildungsoperation Resolute Suppport (RSM). Ihre Soldaten begleiten die Afghanen nur noch im Ausnahmefall. In der Regel verbleiben sie in ihren Stützpunkten nahe der Städte.

Es fehlt an westlichen Kampftruppen

Ein Fehler, wie Markus Kaim meint: „Offensichtlich ist die internationale Mission nicht erfolgreich genug“, so der Afghanistan-Fachmann der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Mit einem militärischen Sieg der Taliban rechnet er zwar nicht. Keine Seite sei derzeit dazu in der Lage, zu gewinnen. Doch gelinge es den Aufständischen immer stärker, die Regierung in Kabul zu delegitimieren. Die Parlamentswahl sei bereits angesichts der Kämpfe vom 7. Juli auf den 20. Oktober verschoben worden. „Wir werden sehen, unter welchen Bedingungen die stattfinden werden.“

Den Rückzug der internationalen Kampftruppen halten Kaim und Ruttig beide rückblickend für einen Fehler. Eine Rückkehr steht indes nicht in Sicht. Den langen Atem und die Opfer für so eine Mission, wollen gegenwärtig westliche Regierungen nirgendwo auf der Welt mehr aufbringen. Afghanistan, so scheint es, wird noch lange das bleiben, was es laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri schon lange ist: Der zweittödlichste Konflikt der Welt, nach Syrien.

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