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Corona-Krise in Spanien : Kittel aus Müllbeuteln

Lieferung aus China: Arbeiter sortieren Schutzkleidung in einem Warenhaus in Valencia.. Bild: AFP

In Spanien fehlt es überall an Schutzkleidung. Das hat Folgen: In keinem anderen Land haben sich so viele Pfleger mit dem Coronavirus infiziert. Nun bittet Madrid sogar die Nato um Hilfe.

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          Der Schutz für den Krankenpfleger besteht aus Müllbeuteln und einfachen Regenmänteln, die mit Heftpflastern zusammengeklebt sind. Die ersten drei Tage habe es noch richtige Schutzkleidung gegeben, „seitdem nichts mehr, nur noch Mundschutz und Kittel aus Papier“, berichtet der Mann aus Getafe im Süden Madrids in der Zeitung „El Mundo“. Verzweifelt wandte sich der Dachverband der Gewerkschaften der spanischen Mediziner (CESM) am Mittwoch an den Obersten Gerichtshof in Madrid. Sie werfen dem Gesundheitsministerium vor, Schwestern, Pfleger und Ärzte in ihrem Kampf gegen das Coronavirus nicht ausreichend zu schützen. Mehr als 5400 von ihnen haben sich schon infiziert; das sind mehr als 13 Prozent aller gemeldeten Infizierten. Weder in China noch in Italien ist der Anteil des medizinischen Personals an den Erkrankten so hoch.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Bei der Versorgung mit Material und Schutzausrüstung herrsche „totale Koordinierungslosigkeit“, sagt CESM-Generalsekretär Gabriel Del Pozo. Keiner wisse, was der andere tue, es gebe keine Führung, und die Lage gleiche eher einem „Guerrillakrieg“. Wie sehr es an medizinischem Nachschub in dem Land mangelt, das am Mittwoch mehr Tote gezählt hatte als in China, macht ein weiterer Hilferuf deutlich. Generalstabschef Miguel Villarroya bat die Nato um Beistand: Die Bündnispartner sollten prüfen, ob sie Spanien mit 500.000 Tests, 500 Beatmungsgeräten sowie 1,5 Millionen Operationsmasken und 450.000 Atemschutzmasken unterstützen könnten. Die Nato selbst verfügt über keine eigenen Bestände.

          Erste Lieferungen aus China landen

          EU-Ratspräsident Charles Michel schrieb in einem Brief an die Spanier, Europa stehe „in voller Solidarität an Eurer Seite, und wir werden keine Anstrengungen scheuen, Euch zu helfen“. Auch die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kündigte die Lieferung von medizinischem Material an, das die EU für ihre Mitgliedstaaten bestellt hat – innerhalb von zwei Wochen. Dabei spitzt sich in diesen Tagen die Lage in dem Land dramatisch zu, das am Mittwochmittag 3434 Tote betrauerte. Allein in den vergangenen 24 Stunden starben 738 Corona-Patienten; eine Zunahme von mehr als 27 Prozent im Vergleich zum Tag zuvor. Nur in Italien sind es mehr. Dort kamen fast doppelt so viele Menschen ums Leben wie in Spanien. In China, wo die Pandemie begann, wurden auf dem Festland 3281 Tote registriert, in Hongkong vier.

          Die spanische Zentralregierung hat seit Tagen den Regionalregierungen versprochen, sie mit Ausrüstung und Material zu versorgen. Aber es kam so wenig aus Madrid, dass diese damit begannen, sich selbst zu versorgen. Der zentrale Einkauf habe nicht funktioniert, kritisiert etwa der konservative andalusische Regionalpräsident Juan Manuel Moreno: „Daher sehen wir uns gezwungen, mit anderen Landsleuten um den Zugang zu den Märkten zu konkurrieren“, sagt der PP-Politiker. Erste Lieferungen aus China landeten schon in Valencia und Madrid.

          Auch der spanische Gesundheitsminister Salvador Illa klagt über Chaos und verschärften Wettbewerb um Material, verbreitete jedoch am Mittwoch vorsichtige Zuversicht. Die Regierung habe in China einen Vertrag über den Kauf von medizinischer Ausrüstung im Wert von 432 Millionen Euro abgeschlossen. „Wir haben uns ganze Produktionsketten gesichert, die nur für die spanische Regierung arbeiten“, sagte Illa über die Einigung, die Ministerpräsident Pedro Sánchez mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping in einem Telefongespräch erzielt habe. Die etappenweise Lieferung solle noch in dieser Woche beginnen und bis in den Juni andauern.

          Parallel reagiert und improvisiert die spanische Wirtschaft. Der Textilkonzern Inditex stellte der Regierung sein weltweites Logistik-Netzwerk zur Verfügung und will in eigenen Betrieben Masken und andere Schutzkleidung herstellen. Andere Näherei-Betriebe produzieren schon Masken statt Schuhen oder Sofas. In Madrid wohnt jetzt Klinikpersonal in nahe gelegenen Hotels. Dieser Ausnahmezustand wird noch Wochen andauern. Am Mittwoch wollte das spanische Parlament der Verlängerung der geltenden Restriktionen bis zum 11. April zustimmen. Die Regierung hofft, dass die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit aber schon bis zum Ende der Woche Wirkung zeigen. „Wir sind vielleicht schon am Höhepunkt der Kurve“, sagte der Nothilfekoordinator Fernando Simón am Mittwoch. Mitte April könnte es dann so weit sein, dass die Zahl der geheilten Corona-Patienten die der Neuinfektionen übertrifft.

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