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Die Rückkehr der Taliban : Fast immer, fast überall

In Abwehrhaltung: Afghanischer Sicherheitsbeamter in der Nähe des Justizministeriums in Kabul Bild: AFP

Deutlicher als mit den Anschlägen von Kabul könnten die Taliban nicht vor Augen führen, wie sich die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten verändert haben. Inzwischen können sie zu jedem Zeitpunkt fast jedes Ziel angreifen. Die Anschlagserie fand zudem pünktlich zur Kabul-Visite des amerikanischen Sondergesandten Holbrooke an diesem Donnerstag statt.

          Dass schwierige Tage bevorstehen, dürfte dem afghanischen Präsidenten Hamid Karzai spätestens klar gewesen sein, als das Besuchsdatum von Richard Holbrooke bekannt wurde. Westliche Politiker kündigen sich aus Sicherheitsgründen eigentlich fast nie an und versuchen, mit Überraschungsreisen symbolträchtigen Anschlägen vorzubeugen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Holbrooke ist zwar „nur“ ein Diplomat, aber eben ein amerikanischer und zudem der Sonderbeauftragte Barack Obamas für Pakistan und Afghanistan.

          Wie in Bombay

          Man überschätzt das politische Gespür der Taliban vermutlich nicht, wenn man die Anschlagserie vom Mittwoch in Zusammenhang mit Holbrookes für diesen Donnerstag geplante Kabul-Visite bringt. Deutlicher konnten die afghanischen Extremisten dem Sondergesandten aus Washington nicht vor Augen führen, wie sich die Machtverhältnisse in den vergangenen Jahren verändert haben. Inzwischen können die Taliban zu jedem Zeitpunkt fast jedes Ziel angreifen.

          Zwei der drei Behörden, auf die am Mittwochmorgen Anschläge verübt wurden, liegen im Stadtzentrum – das Justizministerium sogar in unmittelbarer Nachbarschaft zum Präsidentenpalast. Im Stil der Terroristen von Bombay stürmten fünf Angreifer in das Justizgebäude und feuerten mit Schnellfeuerwaffen wahllos um sich. Fast gleichzeitig drang ein Selbstmordattentäter in das nahe gelegene Bildungsministerium ein; er wurde erschossen, bevor er seinen Sprengsatz zünden konnte. Drittes Ziel war die Gefängnisverwaltung Kabuls, wo sich zwei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten.

          Als Innenminister Hanif Atmar am Nachmittag die traurige Bilanz präsentierte – mindestens 19 Tote, später war von 26 Opfern die Rede –, versuchte er, den Tag trotz allem als Erfolg für die Sicherheitskräfte darzustellen. Immerhin hätten diese die Lage schnell unter Kontrolle gebracht, sagte Atmar und spielte damit auf die tagelang andauernden Gebäudeschlachten in Bombay an. Den Eindruck einer Demütigung kann dies trotzdem nicht vertreiben.

          Zweifel an Karzai wachsen

          Weil im vergangenen Jahr die Sicherheit Kabuls von der Isaf-Schutztruppe an die afghanischen Streitkräfte übertragen worden war, steht nun Präsident Karzai unmittelbar in der Verantwortung. Dass er nicht einmal seine eigenen Ministerien schützen kann, dürfte seine Position bei den Gesprächen mit Holbrooke kaum stärken.

          Die neue Regierung in Washington zweifelt ohnehin am Schützling des abgewählten Präsidenten Bush. Schon vor Obamas Vereidigung äußerten sich prominente Regierungsmitglieder kritisch über die politischen Fähigkeiten Karzais. Auch Holbrooke sprach öffentlich von anderen „qualifizierten und beeindruckenden“ Kandidaten für die Präsidentenwahlen im August. Die neue amerikanische Regierung sieht insbesondere die grassierende Korruption, die nach Medienberichten bis in die Präsidentenfamilie hineinreichen soll, als Grund für die schwindende Sympathie im Volk für die Regierung Karzai und deren westliche Verbündete.

          Offenkundig ist, dass die Vereinigten Staaten ihr Engagement am Hindukusch verstärken wollen. Schon im Wahlkampf hatte Obama angekündigt, die Truppen in Afghanistan durch aus dem Irak abziehende Kontingente zu verstärken. Mit bis zu 30.000 Mann mehr wird gerechnet, womit Washington etwa zwei Drittel aller am Hindukusch stationierter Soldaten stellen würde. Jüngere Informationen sprechen jedoch von nur drei amerikanischen Brigaden, also zusätzlichen 15.000 Mann. Details seien in den kommenden Tagen zu erwarten, kündigte der alte und neue Verteidigungsminister Gates am Dienstag in Washington .

          „Ein nie gesehener Schlamassel“

          Fachleute halten eine Aufstockung in der Größenordnung von 15.000 bis 30.000 Soldaten für unzureichend. In Kreisen der zunehmend frustrierten Isaf wird schon seit geraumer Zeit die Bezugsgröße Kosovo ins Feld geführt. Übertragen auf das Gebiet Afghanistans, wären danach die wohl illusorische Zahl von 800.000 Soldaten nötig, um das Flächenland ähnlich sicher in den Griff zu bekommen wie das kleine Kosovo. Der amerikanische Militärchef Mike Mullen sagte am Dienstag in Kanada, mit der bisherigen Streitmacht könne man die Taliban zwar aus jedem Territorium vertreiben, aber sie reiche nicht aus, die freigekämpften Gebiete auch zu halten.

          Selbst eine neue Regierung in Kabul und eine vergrößerte internationale Streitmacht versprechen noch keinen Umschwung in Afghanistan, solange nicht auch Pakistan seinen Teil beiträgt. Holbrookes Besuch in Islamabad war jedoch bis Mittwochabend nicht von öffentlich wahrnehmbaren Fortschritten geprägt. Außenminister Qureshi sprach zwar nach seinem Gespräch mit dem Sondergesandten von einem „Neuanfang“, bekräftigte aber im Folgenden, dass die amerikanischen Raketenangriffe auf Taliban-Stellungen in den pakistanischen Stammesgebieten „kontraproduktiv“ seien. Zugleich wiederholte er die Formel, dass ein effektives Vorgehen der pakistanischen Armee im Grenzgebiet zu Afghanistan nur mit einer „ruhigen Ostfront“ möglich sei. Gemeint war das zwischen Pakistan und Indien geteilte Kaschmir – das offiziell nicht von Holbrookes Mandat gedeckt ist.

          Wenn die Anschläge von Kabul die Route des Sondergesandten nicht im letzten Moment verändern, wird er nach seiner Afghanistan-Visite in Delhi erwartet. Die Regierung Singh fürchtet kaum etwas mehr als eine internationale Einmischung in den Kaschmir-Konflikt; sie betrachtet den Disput als innere, bestenfalls bilaterale Angelegenheit mit Islamabad. Brüsk wies sie unlängst den britischen Außenminister Miliband zurück, als der in Indien eine Verbindung zwischen den Terrorangriffen auf Bombay und Kaschmir herstellte. Dass die von Delhi verdächtigte Terrororganisation „Lashkar-e-Taiba“ im Kampf gegen das indisch regierte Kaschmir heranwuchs, ist kein Argument, das in Indien zählen würde. So verfolgt jedes Land seine eigene Logik, was Holbrookes vage Idee eines Regionalansatzes vorerst illusorisch erscheinen lässt. „Noch nie habe ich so etwas gesehen wie den Schlamassel, den wir geerbt haben“, sagte er unlängst im Blick auf den Afghanistan-Komplex.

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