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Türkei und die Krise am Golf : Warum Erdogan so viel an Qatar liegt

Bild: AP

Ankaras Engagement für das bedrängte Qatar treibt bunte Blüten – nun ist sogar der Präsident selbst auf Vermittlungsreise. Warum nur hält er so eisern zu dem Emirat?

          6 Min.

          Als Verteidiger der Pressefreiheit wird Recep Tayyip Erdogan im Ausland nur recht selten wahrgenommen, doch anlässlich seiner Reise in drei Staaten des Nahen Ostens am Sonntag und an diesem Montag tritt der türkische Staatspräsident auch in dieser Rolle auf. Bei seinen Gesprächen in Saudi-Arabien, Kuweit und Qatar will Erdogan zwischen den Golfstaaten vermitteln und ein Ende einer regionalen Krise herbeiführen, die schon länger geschwelt hatte, als sie im Juni offen ausbrach.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zu Beginn des vergangenen Monats verhängte eine von Saudi-Arabien geführte Koalition ein politisches und wirtschaftliches Embargo gegen das Emirat Qatar. Eine 13 Punkte umfassende Liste, welche die Koalition dem schwerreichen Kleinstaat Mitte Juni übergeben hat, enthält auch die Forderung nach einer Schließung des qatarischen Fernsehsenders Al Dschazira. Das will Erdogan, der nach eigenem Dafürhalten das Land mit der freiesten Medienlandschaft der Welt führt, ebenso wenig hinnehmen wie die anderen Forderungen der Anti-Qatar-Allianz. Bald nach der Veröffentlichung der Liste hatte Erdogan die Medien der Welt deshalb zu einer Solidaritätskampagne mit Al Dschazira aufgefordert. „Ich rufe die weltweiten Mediennetzwerke auf, worauf wartet ihr noch?“, fragte Erdogan Ende Juni – und tat, was er am liebsten tut: Er gab sich selbst die Antwort. Die Freiheit eines internationalen Fernsehsenders sei gefährdet, er sei gar von der Schließung bedroht, doch statt ihre Stimme zu erheben, schwiegen die Journalisten in aller Welt.

          Davon kann bei genauerem Hinsehen, für das ein vielbeschäftigter Staatschef indes kaum die Zeit hat, freilich die Rede nicht sein, denn mehrere Medien und Journalistenverbände haben ihre Stimme für den Sender erhoben. Wenige Tage bevor Erdogan das Gegenteil behauptete, war zum Beispiel in der „Washington Post“ unter der Überschrift „Warum arabische Staaten zu Unrecht versuchen, Al Dschazira zu schließen“ ein eindeutiger Kommentar erschienen. Sein Autor war Daoud Kuttab, ein palästinensischer Journalist, der auch dem International Press Institute (IPI) angehört, einem Journalistennetzwerk, das sich der Verteidigung der Medienfreiheit verschrieben hat.

          Unter anderen Umständen hätte sich gewiss auch Kadri Gürsel für Al Dschazira eingesetzt, ein bekannter türkischer Journalist, der jahrelang das IPI-Komitee in der Türkei leitete. Doch Gürsel ist verhindert. Nachdem er bereits im Jahr 2015 nach einem Erdogan-kritischen Tweet als Kolumnist der Zeitung „Milliyet“ entlassen worden war, ist er im Oktober vergangenen Jahres unter dem Vorwurf, Terrorist zu sein oder terroristische Organisationen zu unterstützen, verhaftet worden. Er wartet seither im Gefängnis darauf, dass die unabhängige türkische Justiz ein Verfahren gegen ihn beginnt. Auch unter den anderen etwa 160 Journalisten, die von dieser Justiz in Haft genommen wurden, hätten sich womöglich Verteidiger von Al Dschazira gefunden.

          Wirtschaftliche Interessen wichtig, aber nicht ausschlaggebend

          Die Episode von Erdogans Kampf für die Pressefreiheit ist eine besonders bunte Blüte im Treibhaus der türkischen Außenpolitik, in dem der enge Schulterschluss der Türkei mit dem Emirat Qatar als besonders seltene Orchidee ins Auge fällt. Warum ausgerechnet Qatar? Oft wird diese Frage mit den Geschäftsinteressen beantwortet, die türkische Unternehmen, insbesondere Baufirmen, in dem Emirat verfolgen. Schließlich wird das Land womöglich die Fußballweltmeisterschaft 2022 ausrichten, und bis dahin muss einiges in Stadien und andere Infrastruktur investiert werden.

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