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Türkei und die Krise am Golf : Warum Erdogan so viel an Qatar liegt

Vorsichtige Annäherung zwischen Ankara und Teheran

Obwohl er es beim Schreiben seines Buches noch nicht wissen konnte, streift der Politikwissenschaftler Baskan auch eine andere erstaunliche Koalitionsbildung, die sich seit einigen Wochen immer deutlicher abzeichnet: Der Konflikt zwischen der von Riad geführten arabischen Koalition, die Qatar auf die eigene Linie bringen will, hat zumindest in dieser Frage zu einer Annäherung der ansonsten weiterhin konkurrierenden Regionalmächte Türkei und Iran geführt. Noch zu Jahresbeginn hatte Erdogan Iran beschuldigt, eine Politik des „schiitischen Sektierertums und persischen Nationalismus“ zu verfolgen. Doch in der Qatar-Krise unterstützt Teheran nun das Emirat gegen Saudi-Arabien und dessen Verbündete, ebenso wie Ankara.

Das wiederum brachte die beiden bevölkerungsreichsten Staaten der Region, die in Syrien weiterhin gegensätzliche Ziele verfolgen, einander auch wirtschaftlich näher. Eine noch im Februar abgesagte Reise von Wirtschaftsminister Zeybekci nach Iran konnte im Juli nachgeholt werden. Er reiste mit einer großen Unternehmerdelegation in den Nachbarstaat, die nicht mit leeren Händen zurückkehrte.

Auch lautstarke Teheraner Proteste gegen die Errichtung einer türkischen Militärbasis in Qatar, die unter anderen Umständen nicht ausgeblieben wären, gab es nicht. Qatar ist bereits Sitz des „Central Command“ für alle amerikanischen Einsätze im Nahen Osten sowie in Vorderasien. Knapp 8000 amerikanische Soldaten sind dauerhaft dort stationiert. Dass nun, wie bereits 2014 vereinbart, schon der zweite Nato-Staat einen Stützpunkt in dem Emirat ausbaut, ist für die Herrschaftsfamilie des qatarischen Emirs Tamim Bin Hamad Al Thani so etwas wie eine doppelte Lebensversicherung. Durch die amerikanische und die türkische Präsenz auf qatarischem Wüstenboden erhöht sich der Preis, den die Nachbarstaaten für eine gewaltsame Intervention zu zahlen hätten, auf eine Summe, die wohl niemand zu zahlen bereit ist.

Ausländische Militärstützpunkte als Lebensversicherung

In türkischen Medien war zuletzt zu lesen, die Vereinigten Arabischen Emirate versuchten, die Amerikaner zur Verlegung ihres Stützpunktes weg von Qatar zu überreden. Doch Quellen tauchten in solchen Berichten nicht auf, und die Politik in Ankara machte derweil deutlich, dass sie so lange in Qatar militärisch vertreten bleibe, wie das dort gewünscht werde. Eine der ursprünglich 13 Forderungen der Anti-Qatar-Koalition war die Schließung des türkischen Stützpunktes. Erdogan hat von Beginn an klargemacht, dass dies auf keinen Fall in Frage komme. Die Türkei hat ihre Truppenpräsenz im Gegenteil in den vergangenen Wochen demonstrativ und kontinuierlich erhöht, wenn auch jeweils nur in kleinen Schritten. Zuletzt kamen in der vergangenen Woche 28 Artilleristen zur Vorbereitung gemeinsamer Übungen mit der qatarischen Armee nach Doha, wie die von der AKP kontrollierte Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. In der vergangenen Woche zeigte sich Ibrahim Kalin, einer der wichtigsten außenpolitischen Berater Erdogans, denn auch zufrieden, als Nachrichten davon die Runde machten, Saudi-Arabien und die anderen Staaten hätten einige ihrer Forderungen gegen Qatar fallengelassen, unter anderen die nach einer Schließung des türkischen Stützpunktes. Das seien „positive Entwicklungen“, so Kalin.

Das erklärte Ziel der Reise Erdogans ist es, zu einer vollständigen Normalisierung der Beziehungen Qatars mit seinen Nachbarn beizutragen. Wie wichtig Erdogan die Angelegenheit ist, zeigte die Delegation, mit der er am Sonntag zum Auftakt seiner Gespräche in Dschidda eintraf. Mit ihm reisten Zeybekci, Außenminister Mevlüt Cavusoglu, der Energieminister (und Schwiegersohn des Staatspräsidenten) Berat Albayrak, Verteidigungsminister Nurettin Canikli, Generalstabschef Hulusi Akar und Geheimdienstleiter Hakan Fidan.

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