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Türkei und die Krise am Golf : Warum Erdogan so viel an Qatar liegt

Der Hinweis auf die ökonomische Bedeutung Qatars für die Türkei ist auch nicht falsch, aber er ist unvollständig, denn geschäftliche Interessen allein sind es nicht, die Ankara und Doha zueinanderfinden ließen. Das gilt auch deshalb, weil Qatar zwar ein wichtiger, aber nicht der größte nahöstliche Markt für die Türkei ist. An der Spitze steht Saudi-Arabien, erst danach kommt Qatar. Insgesamt ist die von Riad geführte Koalition für die Geschäftsinteressen türkischer Firmen wichtiger als Qatar. Trotzdem trat die Türkei in den vergangenen Wochen als entschiedene Blockadebrecherin auf und belieferte das von seinen Nachbarn isolierte Land mit Nahrungsmitteln und anderen nötigen Waren. Laut Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hatte die Türkei schon Mitte Juli fast 200 Frachtflieger sowie ein Schiff zur Versorgung Qatars entsandt und eine weitere Unterstützung zugesagt, solange sie nötig sei.

Gemeinsame Nähe zur Muslimbruderschaft

Doch warum positioniert sich Erdogan in dem jüngsten Konflikt so eindeutig auf Seiten Qatars, wenn darunter zugleich Beziehungen zu einem ganzen Kartell von Staaten in der Region leiden könnten? Der türkische Politikwissenschaftler und Nahost-Kenner Birol Baskan, der in Qatar lebt und forscht, ist dieser Frage in seinem Buch „Die Türkei und Qatar im Wirrwarr nahöstlicher Geopolitik“ schon 2016 nachgegangen, als die jüngste Krise noch nicht offen ausgebrochen war. Seine These lautet: Die Türkei und Qatar haben sich außenpolitisch schon seit Jahren aufeinander zubewegt und sind dadurch gegenüber den anderen Staaten der Region zugleich in eine sich schrittweise verschärfende Abgrenzung geraten, die sie nur noch enger miteinander verbunden hat.

Während andere Staaten der Golfregion sich von dem durch die Arabellion angestoßenen Weltbeben im Innersten bedroht sahen und sehen, gelte das für die Führungen in Doha und Ankara nicht, so Baskan. Denn dort habe man früh gute Beziehungen etwa zu den Muslimbrüdern aufgebaut und fühle sich von deren Erstarken nicht bedroht, sondern bestätigt. Deshalb sei Qatar ein Hauptsponsor der Muslimbruderschaft in Ägypten geworden, und zwar nicht nur durch großzügige finanzielle, sondern mittels Al Dschazira auch durch massenwirksame mediale Unterstützung.

In der Türkei wiederum waren es Erdogan und seine Regierungspartei AKP, auf deren Unterstützung die Muslimbruderschaft in Ägypten stets zählen konnte. Der türkische Präsident und sein einstiger Außenminister Ahmet Davutoglu sahen in den Muslimbrüdern gleichsam Geistesverwandte. Ähnlich wie die AKP in der Türkei, so lautet diese Lesart, kämpfe die Muslimbruderschaft in Ägypten im Namen einer fromm-muslimischen Bevölkerungsmehrheit gegen einen feindseligen Staat für das Recht auf die Herrschaft über das eigene Land. Von Staaten wie Saudi-Arabien dagegen werde eine muslimische Bewegung von unten, die ein bestehendes Machtgefüge in Frage stellt, als existentielle Gefahr wahrgenommen.

Die Niederlage der Muslimbruderschaft in Ägypten habe die Türkei und Qatar dann nur noch enger aneinanderrücken lassen, so Baskan. Tatsächlich wird aus vielen Äußerungen Erdogans deutlich, dass er den Putsch gegen den ägyptischen Präsidenten Muhammad Mursi als eine Art Blaupause finsterer Mächte im Inland und im Ausland betrachtet, nach der auch er selbst im Juli 2016 hätte gestürzt werden sollen.

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