https://www.faz.net/-gpf-16e8x

Die Öl-Katastrophe in Amerika : Obamas Katrina

  • -Aktualisiert am

Barack Obama auf dem Weg in das Katastrophengebiet Bild: AP

Lange hat die Regierung in Washington die Dramatik der Ölpest nicht erkannt. Obama hat auf die Katastrophe bisher nicht besser reagiert als die Regierung Bush auf den Hurrikan „Katrina“.

          3 Min.

          Am Freitag reiste Präsident Barack Obama zum zweiten Mal nach der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ am 20. April nach Louisiana, um sich ein Bild von der Lage im Katastrophengebiet zu machen. Er hätte sich den Flug nach New Orleans und die Fahrt ins Mündungsdelta des Mississippi sparen können: Die Umweltkatastrophe hat nämlich längst das Weiße Haus erreicht. Dass die Regierung Obama nicht besser auf die Ölpest reagierte als seinerzeit die Regierung Bush auf den Hurrikan „Katrina“ im August 2005, ist inzwischen zum Gemeinplatz geworden. Die Medien sprechen nur noch von „Obamas Katrina“, und in Umfragen äußern sechs von zehn Amerikanern die Ansicht, die Regierung habe schlechte oder sehr schlechte Arbeit geleistet, um die Pest einzudämmen.

          Erst am Freitag, mehr als fünf Wochen nach dem Explosionsunglück, veröffentlichte die Regierung eine eigene Schätzung darüber, wie viel Öl seither aus dem leckgeschlagenen Bohrloch ausgetreten ist: zwischen 12.000 und 25.000 Barrel (zu 159 Litern) am Tag. Der Ölkonzern BP hatte zunächst angegeben, allenfalls tausend Barrel Öl träten täglich aus; am 29. April wurde die Schätzung um das Fünffache nach oben korrigiert. Vermutlich aber ist es gut das Doppelte, ja das Fünffache am Tag gewesen.

          Warum übernahm das Weiße Haus zunächst die Zahlen von BP, statt sich umgehend ein eigenes Bild von der Lage zu machen? Eine Woche nach dem Unglück entfuhren dem zornigen Präsidenten bei einer Beratung mit seinen Mitarbeitern die Worte: „Stopft das verdammte Loch!“ Es dauerte fast eine weitere Woche, bis Obama erstmals an den Golf reiste. Als die Reaktion des Präsidenten auf immer größeren Unmut stieß, ließ das Weiße Haus die mittlerweile bis zum Überdruss wiederholte Botschaft verbreiten, man habe „gleich am ersten Tag alle Mann an Bord“ gerufen, um der Umweltkatastrophe Herr zu werden. Der Präsident selbst bekräftigte am Donnerstag, er trage die Verantwortung und habe von Beginn an getan, was zu tun gewesen sei.

          Die Umweltkatastrophe hat längst das Weiße Haus erreicht

          Fast 200 Kilometer Küste wurden verseucht

          Doch es dauerte neun Tage, bis die Regierungsbürokratie die Katastrophe im Golf von Mexiko zum „Unfall von nationaler Bedeutung“ erklärte – die Voraussetzung, um uneingeschränkt Mittel aus dem Bundeshaushalt freigeben, um Gerät und Ausrüstung von Katastrophenschutz und Pentagon in vollem Umfang einsetzen zu können. Bis heute aber fehlen Kunststoffbarrieren, die verhindern könnten, dass das Öl an die Küste gelangt und in das Marschland eindringt. Den schon vor vier Wochen unterbreiteten Vorschlag des Gouverneurs Jindal, den Ölteppich mit künstlichen Sandbarrieren möglichst weit vor der Küste aufzuhalten, prüft die Regierung noch immer auf Umweltverträglichkeit. Fast zweihundert Kilometer Küste und Marschland wurden derweil verseucht.

          Obamas Ausruf, endlich das „verdammte“ Bohrloch am Meeresgrund zu stopfen, und die – leere – Drohung an BP, die Regierung werde dem Konzern die Federführung beim Kampf gegen die Ölpest entziehen, sollte das Leck nicht bald geschlossen werden, offenbaren die Fehler Washingtons. Über die Mittel und das Wissen, um das leckende Bohrloch in anderthalb Kilometer Meerestiefe zu verschließen, verfügen allein die Ölunternehmen. Aber um die Ausbreitung der Ölpest an der Wasseroberfläche zu stoppen, hätte Washington das Heft sofort in die Hand nehmen und neben der Küstenwache auch die Kriegsmarine und die Nationalgarde einsetzen können und müssen, statt BP mal dieses und mal jenes ausprobieren zu lassen.

          Dass Obama als Senator und Präsidentschaftskandidat mehr als 77.000 Dollar Spenden von BP erhielt – so viel wie angeblich kein anderer Politiker in den vergangenen zwanzig Jahren –, kann seinen anfänglichen Langmut mit dem Unternehmen nicht (allein) erklären. Trotz gegenteiliger Versicherungen hat das Weiße Haus den Ernst der Lage lange nicht erkannt, und den Präsidenten hat sein politischer Instinkt verlassen: Am Dienstag, als die Familien der elf auf der Bohrinsel Getöteten sich zur Trauerfeier in Jackson (Mississippi) versammelten, flog der Präsident von der Ost- an die Westküste und sammelte bei einem Wahlkampfauftritt für die kalifornische Senatorin Boxer 1,7 Millionen Dollar Spenden ein.

          Die Wende zu erneuerbaren Energiequellen

          Um den politischen Schaden zu begrenzen, verfielen der Präsident und seine Berater sodann in den üblichen Aktionismus. Am Freitag wurde die Chefin der für Rohstoffausbeutung zuständigen Aufsichtsbehörde entlassen: ein erstes Bauernopfer, nachdem die dort seit Jahr und Tag herrschende „Kultur der Korruption und der Komplizenschaft“ mit der Ölindustrie auch unter Präsident Obama hatte weiterblühen können. Alle zuvor erteilten Genehmigungen für Ölbohrungen in Küstengewässern wurden fürs Erste ausgesetzt. Schließlich mahnte der Präsident die Wende zu erneuerbaren Energiequellen an – eine angesichts des Öldursts der amerikanischen Volkswirtschaft ebenso richtige wie rührende Mahnung: Die Menge Öl, die täglich aus dem Leck entweicht, würde den Ölkonsum allein von Texas für zwei bis allenfalls zehn Minuten decken.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Bundesliga im Liveticker : Setzt Dortmund ein Ausrufezeichen?

          Schalke besiegte Gladbach zum Auftakt der Rückrunde. Nun ist im Kampf um den Titel der BVB in Augsburg gefordert. Aber auch die vier anderen Partien versprechen Spannung. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.