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Wähleranalyse : Diese Niederländer wählten den Sieger

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Bester Dinge: Wahlsieger Mark Rutte am Mittwochabend auf einer Wahlparty in Den Haag Bild: dpa

Viele Wähler des niederländischen Ministerpräsidenten gehören einer bestimmten Bevölkerungsgruppe an. Diese ähnelt dabei stark jenen Menschen, die für den Rechtspopulisten Wilders abstimmten. Was bedeutet das für die Regierungsbildung?

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          Die Niederlande bleiben auf Pro-Europa-Kurs: Die rechtsliberale Partei von Ministerpräsident Mark Rutte hat den rechtspopulistischen Herausforderer Geert Wilders klar abgewehrt. Nach Hochrechnungen vom Donnerstagmorgen deutet alles auf eine neue Regierung unter Ruttes Führung hin. Die Koalitionsbildung dürfte wegen der zersplitterten Parteienlandschaft aber kompliziert werden. Politiker in Deutschland und in anderen europäischen Ländern zeigten sich erleichtert über den Wahlausgang.

          Bei einem Auszählungsstand von 95,3 Prozent der Stimmen ergibt sich derzeit folgendes Bild: Ruttes rechtsliberale Volkspartei für Freiheit und Demokratie (VVD) liegt mit 21,3 Prozent klar vorne, obwohl sie im Vergleich zur vorigen Wahl 2012 deutlich verlor, nämlich 5,2 Prozentpunkte. Danach folgt die Partei für die Freiheit (PVV) des Rechtspopulisten Geert Wilders mit 13,1 Prozent. Sie erzielte im Vergleich zu 2012 einen Zuwachs von 3 Prozentpunkten. Auf dem dritten Platz liegen mit 12,4 Prozent die Christdemokraten. Knapp dahinter kommen die linksliberalen Democraten 66 mit 12,1 Prozent. Beide Parteien konnten bei dieser Wahl mehr Stimmen holen als bei der vorherigen.

          Viele neue Wähler gewinnen konnten neben den Christdemokraten und den Democraten 66 auch die Sozialistische Partei (SP) und Wilders’ PVV.

          In Mandaten ergeben sich 33 Sitze für Ruttes VVD. Wilders’ PVV kommt auf 20 der 150 Parlamentssitze. Die Christdemokraten und die Democraten 66 holen jeweils 19 Sitze. Das Endergebnis der Wahl verzögert sich noch. Die Auszählung der Reststimmen könne sich möglicherweise bis Freitag hinziehen, berichtete die Nachrichtenagentur ANP.

          Die Wahlbeteiligung der Bürger lag nach einem zugespitzten Wahlkampf bei 81 Prozent – und damit deutlich höher als 2012. Damals beteiligten sich knapp 75 Prozent der etwa 13 Millionen Stimmberechtigten. Aber nicht nur im Vergleich zur vorigen Wahl stieg die Beteiligung an: Sie war seit 1986 nicht mehr so hoch wie in diesem Jahr.

          Wahl in den Niederlanden

          Unterschiede zwischen den Städten

          Blick man auf die Stimmenzuwächse der einzelnen Parteien, sind die Grünen der eigentliche Wahlgewinner. Sie legten 6,7 Prozentpunkte zu und kommen derzeit auf 9 Prozent. Im Wahlkreis Amsterdam sind sie mit 19,3 Prozent der Stimmen sogar stärkste Kraft. Das mag an der liberalen Prägung der urbanen Bevölkerung Amsterdams ebenso liegen, wie an der Nähe der Stadtbewohner zu klassisch grünen Themen, gilt die Stadt doch umweltpolitisch als internationaler Vorreiter.

          In Rotterdam, der zweitgrößten Stadt der Niederlande, siegte allerdings Ruttes VVD. Der seit 2010 amtierende Ministerpräsident Rutte kann seine bisherige Koalition mit den Sozialdemokraten allerdings nicht fortsetzen. Der sozialdemokratische Juniorpartner in der Regierung wurde massiv abgestraft und für die Härten der sozialen Reformen verantwortlich gemacht. Die Partei erlitt eine in der niederländischen Parlamentsgeschichte beispiellose Niederlage: Sie verlor 19,1 Prozentpunkte und kommt derzeit auf nur 5,7 Prozent.

          Dass die urbanen Milieus in den Niederlanden recht unterschiedlich abgestimmt haben, zeigt sich auch in Maastricht, einer der ältesten Städte der Niederlande. Dort holte die PVV 18,3 Prozent der Stimmen. Das mag auch daran liegen, dass die Stadt mitten in Wilders’ Stammland, der Provinz Limburg, liegt. Dort ist seine Partei nach bisherigem Auszählungsstand in zahlreichen Wahlkreisen die stärkste Kraft.

          Sowohl Ruttes rechtsliberale VVD als auch Wilders’ rechtspopulistische PVV werden überwiegend von Männern gewählt. Auch die Anhängerschaft der Christdemokraten, die nach bisherigem Stand zweitstärkste Kraft im Parlament ist, ist überwiegend männlich. Die niederländischen Frauen sorgten vor allem für den Erfolg von drei Parteien – die für recht unterschiedlich gesellschaftspolitische Positionen stehen: Sie wählten zum einen die wertkonservativen, orthodox-calvinistischen Parteien Reformierte Politische Partei (SGP) und die ChristenUnie (CU) und zum anderen die linksliberale Partei GroenLinks. Deren Wähler sind sogar zu 61,33 Prozent weiblich – ein Rekord.

          Die Partei GroenLinks ist aber auch bei einer anderen Wählergruppe Spitzenreiter: Ihr gelang es, viele junge Wähler für sich zu begeistern: 34,93 Prozent ihrer Unterstützer sind zwischen 18 und 34 Jahre alt. Der Spitzenkandidat von GroenLinks, Jesse Klaver, wurde im Wahlkampf von den jungen, gebildeten Niederländern wie ein Popstar gefeiert. Ähnliche Erfolge bei jungen Erwachsenen konnten auch die orthodox-calvinistischen Parteien SGP und CU für sich verbuchen. Auch die Linksliberalen von der Partei D66 haben eine vergleichsweise junge Wählerschaft.

          Ruttes VVD und Wilders’ PVV konnten hingegen vor allem in der mittleren Altersgruppe punkten, bei Wählern im Alter zwischen 35 und 64 Jahren. Die bisher regierende VVD konnte auch bei den älteren Wählern Stimmen holen: 24,1 Prozent ihrer Wähler waren 65 Jahre alt oder älter. Übertroffen wird dieser Wert nur noch bei den Christdemokraten mit 30,97 Prozent älterer Wähler und von dem großen Wahlverlierer, der sozialdemokratischen Partei der Arbeit (PvdA): 43,72 Prozent ihrer Wähler sind älter als 65.

          Je gebildeter, desto liberaler

          Vergleicht man die Wähler von Ruttes VVD und Wilders’ PVV im Hinblick auf Alter und Geschlecht ergeben sich durchaus Ähnlichkeiten: Ihre Wähler sind mehrheitlich zwischen 35 und 64 Jahre alt und männlich. Blickt man hingegen auf das Bildungsniveau zeigt sich ein deutlicher Unterschied. So verfügen 48,16 Prozent der Wähler von Ruttes VVD über ein hohes Bildungsniveau. Übertroffen werden sie dabei nur noch von den Wählern der liberalen D66 und GroenLinks, bei denen die höher gebildeten Wähler über 50 Prozent ausmachen.

          Die Wähler von Wilders’ rechtspopulistischer PVV haben hingegen mehrheitlich ein mittleres (46,56 Prozent) oder niedriges Bildungsniveau (39,05 Prozent). Allgemein zeichnet sich beim Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Wahlentscheidung ein klarer Trend ab: Je gebildeter die Wähler, desto eher wählten sie liberale Parteien.

          Die Regierungsbildung dürfte nun kompliziert und möglicherweise auch langwierig werden. Anders als 2012, wo das gute Abschneiden von Ruttes VVD und den Sozialdemokraten eine für die Niederlande ungewöhnliches Zweierbündnis ermöglichten, muss Rutte nun wahrscheinlich mit drei Parteien koalieren. Mit Wilders, das bekräftigen die Spitzenkandidaten der größeren Parteien bei einer Runde im Sender NOS, will aber keiner regieren. Der hofft derweil auf die nächste Wahl. Über den Kurznachrichtendienst schrieb er: „Wir waren die drittgrößte Partei der Niederlande. Jetzt sind wir die zweitgrößte. Nächstes Mal werden wir die Nummer 1!“

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