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Niederlande und Kollaboration : Eine späte Entschuldigung

Ministerpräsident Mark Rutte (links) bei einer Kranzniederlegung am Sonntag Bild: AFP

Zum ersten Mal hat sich die niederländische Regierung dafür entschuldigt, dass Staatsbeamte sich zu Handlangern der deutschen Besatzer machten. Damit gerät ein lange kultiviertes Selbstbild ins Wanken.

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          Wenn das neue Holocaust-Denkmal im jüdischen Viertel von Amsterdam fertig ist, wird der Besucher ein Labyrinth betreten. Die Wege führen dann an zwei Meter hohen Mauern vorbei. Auf jedem Backstein steht der Name eines Menschen, der den Holocaust nicht überlebt hat: mehr als hunderttausend jüdische Niederländer, außerdem Hunderte Roma und Sinti. Das Denkmal, entworfen vom Architekten Daniel Libeskind, wird die Besucher mit einem düsteren Teil der niederländischen Geschichte konfrontieren. Nicht weit von diesem Ort entfernt sagte Mark Rutte, der niederländische Ministerpräsident, am Sonntag: „Solange die letzten Überlebenden noch unter uns sind, bitte ich im Namen der Regierung um Entschuldigung für das damalige Handeln der niederländischen Behörden.“

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Es war das erste Mal, dass sich die Regierung entschuldigte – und damit die historische Verantwortung annahm, die aus dieser Geschichte erwächst. Rutte erinnerte in seiner kurzen Rede an die Staatsbeamten, die einfach nur taten, was die deutschen Besatzer ihnen aufgetragen hatten. Er erwähnte die Kopfgeldjäger von der Kolonne Henneicke: Das waren 54 Männer, die Amsterdam und die Provinz durchkämmten, um versteckte Juden aufzuspüren. Nach einem halben Jahr hatten sie die meisten den Besatzern ausgeliefert. Es habe zwar auch einzelnen Widerstand gegen die Besatzer gegeben, sagte Rutte. Doch hätten viele Menschen einfach weggeschaut, wenn Mitbürger deportiert und deren Wohnungen geplündert wurden – „aus Selbstschutz, Opportunismus oder Gleichgültigkeit“.

          Der Regierungschef brach so mit einem Selbstbild, das die Niederländer lange Zeit kultiviert hatten: Sie sahen sich als Volk, das heroisch Widerstand gegen die Nationalsozialisten leistete. Besonders der Februarstreik von 1941 stand dafür, als Arbeiter und städtische Bedienstete Amsterdam und weitere Städte lahmlegten, um gegen die Deutschen zu protestieren. Der Streik war eine Reaktion auf die Abriegelung des Amsterdamer Judenviertels und die Deportation von 400 Männern. Doch haben Historiker in jüngerer Zeit auch die Geschichte der Kollaboration aufgearbeitet. Dreiviertel der jüdischen Bevölkerung wurden in den Arbeits- und Vernichtungslagern ausgelöscht – mehr als in den meisten anderen Ländern, die vom Deutschen Reich besetzt worden waren. Und die Überlebenden mussten nach dem Krieg sogar Steuern nachzahlen, wofür sich die Regierung im Jahr 2000 entschuldigte.

          Vor acht Jahren verlangte ausgerechnet Geert Wilders, der Vorsitzende der rechtspopulistischen Partei für die Freiheit, die niederländische Regierung solle sich dafür entschuldigen, dass die niederländische Exilregierung in London die Deportation der Juden wortlos hingenommen habe. Rutte, dessen Regierung damals von Wilders gestützt wurde, wies die Forderung zurück. Wilders selbst sieht sich als großer Freund Israels. Er versucht seit langem, wie andere Rechtspopulisten auch, jüdische Mitbürger als Verbündete im Kampf gegen den Islam zu gewinnen. Das späte Eingeständnis des Ministerpräsidenten kommentierte er nun so: „Ein bisschen spät, aber besser spät als nie und sehr passend, besonders in einer Zeit des leider wachsenden Antisemitismus.“

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