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NATO will Einsatz aufarbeiten : Die Narben, die Afghanistan hinterlässt

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg am Freitag während der Videokonferenz mit den Außenministern in Brüssel Bild: EPA

Welche Rolle will die NATO bei Kriseneinsätzen und der Nationenbildung künftig spielen? Angesichts der Erfahrungen in Afghanistan will das Verteidungsbündnis seine bisherige Konzepte hinterfragen.

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          Nach den Anlaufschwierigkeiten zu Beginn der Woche hat die Evakuierung aus Kabul deutlich Fahrt aufgenommen. Ein Nato-Mitarbeiter sagte Nachrichtenagenturen in der afghanischen Hauptstadt, es seien schon mehr als 18.000 Personen ausgeflogen worden: Soldaten, zivile Helfer und Vertragskräfte, aber auch Afghanen. Das bezog sich auf den Zeitraum von Sonntag bis einschließlich Donnerstag. Die größte Zahl entfällt auf die Vereinigten Staaten; das Pentagon sprach von mehr als 7000 Menschen. Es will nun jeden Tag 5000 bis 9000 Menschen ausfliegen. Am Mittwoch sagte Präsident Biden, es könnten noch bis zu 15.000 amerikanische Staatsangehörige im Land sein.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Neben den Amerikanern haben ein Dutzend weitere Nato-Staaten Flugzeuge, zum Teil auch eigenes Sicherungspersonal nach Kabul geschickt. Die größte Last tragen Briten und Deutsche. Außerdem beteiligen sich Belgien, Dänemark, Frankreich, Finnland, Italien, Kanada, Spanien, Schweden, die Tschechische Republik und die Türkei an der Rettungsaktion. Die Nato-Mitglieder haben sich auf den Grundsatz verständigt, freie Plätze mit Angehörigen anderer Staaten aufzufüllen. So haben die Niederlande am Donnerstag auch 69 Deutsche ausgeflogen.

          800 zivile Nato-Mitarbeiter in Kabul

          Die praktische Abstimmung läuft zwischen den Partnern am Flughafen von Kabul. Es geht darum, Listen abzugleichen, damit Berechtigte ausfliegen können, und sich über Kapazitäten auf dem Laufenden zu halten. Da zunehmend auch afghanische Ortskräfte unter den Passagieren sind, die noch nicht über ein Visum verfügen, muss außerdem nach der Landung entschieden werden, wer wen übernimmt. Angestrebt wird eine faire Lastenteilung. Darüber berieten am Freitag auch die Nato-Außenminister, die sich erstmals seit der Machtergreifung der Taliban in einer Schaltkonferenz austauschten.

          Bild: dpa

          Die Nato als Organisation hat noch rund 800 zivile Mitarbeiter in Kabul im Einsatz. Dabei handelt es sich größtenteils um internationale und afghanische Vertragskräfte der beiden Agenturen für Unterstützung und Kommunikation. Sie sorgen etwa dafür, dass die Landebahn beleuchtet ist, Flugzeuge betankt werden und Feuerwehren für Notfälle bereitstehen. Der gesamte Flugverkehr wird von amerikanischen Lotsen gesteuert. Überlegungen, ob die Europäer die Luftbrücke auch in Eigenregie weiter führen könnten, wurden in Brüssel zurückgewiesen: Das sei ohne die Amerikaner, die 6000 Mann zum Schutz des Flughafens entsandt haben, unvorstellbar. Insofern bestimmten sie auch darüber, wie lange die Rettungsflüge noch möglich seien.

          Die Außenminister formulierten am Freitag auch ihre politischen Erwartungen an die neuen Herrscher in Kabul. Dazu gehört unmittelbar die Forderung nach freiem Geleit für alle, die das Land verlassen wollen, Afghanen eingeschlossen. Darüber wird derzeit in Doha mit den Taliban verhandelt, angestrebt wird eine längerfristige Zusage. Darüber hinaus verlangten die Minister, dass die Islamisten keine Gewalt gegen Zivilisten einsetzen und sich an Menschenrechte halten.

          Eine „ehrliche Überprüfung“

          Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg hatte Anfang der Woche gesagt, dass eine „ehrliche“ Überprüfung des bisher längsten und größten Einsatzes der Nato nötig sei. Diese Debatte werde auf jeden Fall im Zusammenhang mit der Arbeit am neuen strategischen Konzept stehen, sagten Diplomaten. Die Allianz müsse überprüfen, welche Rolle sie künftig bei Kriseneinsätzen und bei der Nationenbildung spielen wolle. Das betrifft vor allem den Einsatz im Irak, wo die Allianz nach dem Vorbild Afghanistans eine Mission zur Ausbildung, Unterstützung und Beratung aufbaut. Deren Umfang ist zwar viel geringer, doch verfolgte insbesondere Stoltenberg ehrgeizige Pläne, die schon vor dem Debakel in Afghanistan auf Skepsis stießen.

          Dass dieses Debakel auch im Militär der Mitgliedstaaten zu erheblicher Verunsicherung führt, legte am Donnerstag der neue Vorsitzende des Militärausschusses der Allianz offen. In einer Videobotschaft an die Truppen sprach der niederländische Admiral Rob Bauer von einer „hitzigen Debatte in unseren Streitkräften und Gesellschaften“. Er gestand ein, dass der Einsatz „Narben“ hinterlassen habe, physisch wie psychisch. Viele würden sich nun fragen, ob ihr Einsatz am Hindukusch vergeblich gewesen sei. Bauer antwortete darauf so: „Für das kämpfen, woran sie glauben, ist niemals vergeblich.“ Der Einsatz in Afghanistan habe das Land „unwiderruflich verändert“, sagte Bauer, ohne dies auszuführen.

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