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Migration aus Afrika : „Eine Wiederholung von 2015 ist unausweichlich“

Migranten auf einem Schlauchboot vor der Küste Libyens Bild: dpa

Die Migration nach Europa lasse sich ohnehin nicht stoppen, sagt eine Expertin. Die nächste große Flüchtlingswelle könne – anders als noch 2015 – aus Afrika kommen. Offen sei nur noch, wann.

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          Migration wird in der deutschen Öffentlichkeit weitgehend als negativ wahrgenommen. Das zeigen Umfragen und Studien. Für eine andere Sicht wirbt nun ein Strategiepapier mit dem Titel „Jobs und Migration: eine afrikanische Perspektive“, das unter anderen von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verfasst wurde. Dessen Autoren fordern, „dringend“ legale Wege für afrikanische Migranten nach Deutschland und Europa zu öffnen.

          Martin Franke

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Sie empfehlen auch höhere Ausgaben beispielsweise für die Erhebung von Daten über afrikanische Migration, um bessere politische Entscheidungen zu treffen. Armin Laschet, der für den CDU-Vorsitz kandidiert, spricht sich in einem Vorwort für mehr Objektivität in der Migrationsdebatte aus. Mit Deutschland werden große Hoffnungen verbunden: Das Land übernimmt am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft für ein halbes Jahr.

          Unterschiedliche demographische Trends

          Maureen Achieng, die das IOM-Büro in Äthiopien leitet und die Organisation bei der Afrikanischen Union vertritt, reiste zur Vorstellung des Strategiepapiers nach Berlin. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt Achieng, dass Europa durch den demographischen Trend alternder Gesellschaften auf Fachkräfte aus anderen Teilen der Welt angewiesen sei. Afrika hingegen werde mit einem Bevölkerungswachstum konfrontiert. Dort könnten die Arbeitsmärkte nicht die schiere Zahl an jungen Bewerbern aufnehmen. Deshalb sei Migration aus Afrika „eine Win-win-Situation für beide Seiten“, sagt Achieng.

          Maureen Achieng leitet das Büro der Internationalen Organisation für Migration in Äthiopien

          Ohnehin könne niemand die Migration stoppen. „Aus meiner Sicht ist es keine Frage, ob wir eine weitere Welle irregulärer Migration sehen werden, sondern wann.“ Eine Wiederholung der Situation von 2015, als Hunderttausende Migranten nach Deutschland kamen, sei „unausweichlich“. Die meisten Migranten, die damals Europa erreichten, seien nicht aus Afrika gekommen, sondern aus dem Nahen Osten. In Zukunft könnten vor allem Afrikaner kommen, sagt Achieng.

          Legale Wege von Afrika nach Europa sind bislang kaum institutionalisiert, könnten jedoch beispielsweise durch das Fachkräfteeinwanderungsgesetz geregelt werden. Damit will die Bundesregierung „eine gezielte und gesteuerte Einwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt“ von Personen außerhalb der EU erreichen. Auf die sogenannte Vorrangprüfung, ob nicht auch Deutsche oder andere EU-Bürger für eine Stelle infrage kommen, soll bei Fachkräften grundsätzlich verzichtet werden.

          Viele Afrikaner „extrem verzweifelt“

          Noch nehmen die meisten Afrikaner mithilfe von Schleppern den gefährlichen Weg durch die Sahara und über das Mittelmeer. In der Mehrzahl handelt es sich um gut ausgebildete und wohlhabendere Personen, die nach Europa kommen wollen, aber keinen legalen Weg in die hiesigen Arbeitsmärkte finden. Deren Zahl ist seit 2015 rückläufig. Laut einer Studie des Pew Research Centers wanderten zwischen 2010 und 2017 mindestens eine Million Menschen aus Subsahara-Afrika aus.

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          Mit Blick auf die Situation an der türkisch-europäischen Grenze sagt Achieng, dass solche „Horrorgeschichten nicht diejenigen in Afrika abschrecken, die ausweglos sind und deren Optionen begrenzt sind“. Achieng zufolge seien nicht wenige Menschen auf dem Kontinent „extrem verzweifelt“.

          Dass sich durch die Abwanderung der Hochqualifizierten ein Problem für die afrikanischen Länder ergebe, sieht Achieng nicht. Die Gefahr des „Braindrain“ bestehe nicht, weil viele Menschen ohnehin keine wirtschaftliche Perspektive in ihren Heimatländern hätten. Selbst Länder wie Äthiopien, das in Afrika das schnellste Wirtschaftswachstum verzeichnet, könne so viele Menschen im Arbeitsmarkt nicht aufnehmen. „Wichtiger wäre, in den Heimatländern attraktive Bedingungen zu schaffen, damit sie zuhause bleiben.“

          Flucht vor den Folgen des Klimawandels

          Als Bedrohung bewertet Achieng die Folgen des Klimawandels. „Wir sehen, dass die Auswirkungen des Klimawandels real sind.“ Migranten flüchteten wegen einer „Vielzahl an Gründen“, der Klimawandel sei der gravierendste. Vor allem die sozialen Konflikte in der Sahelzone, die sich durch den Klimawandel nach Süden verschiebt und viele Menschen wie Bauern und Viehhirten die Lebensgrundlage nimmt, hätten in den vergangenen Jahren zugenommen.

          Die Migrationsexpertin betont, dass 85 Prozent der afrikanischen Migranten innerhalb des Kontinents migrierten und nur 15 Prozent nach Europa. Sie suchten ihr Zielland mehrheitlich danach aus, wo es Netzwerke von Migranten gebe oder Verwandte und Freunde lebten.

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