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Der Westen und die Revolution : Ein verblasster Traum

Frisch gereinigt ins Jubiläum: Lenin-Statue in St. Petersburg Bild: dpa

Die Bewertung der Oktoberrevolution und der folgenden 70 Jahre Sowjetherrschaft ist im Westen größtenteils eindeutig. Nur die demokratische Linke verharmlost sie noch immer.

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          In „Der Archipel GULag“ zitiert Alexander Solschenizyn aus den Erinnerungen eines Mannes, der in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts zunächst fast ein halbes Jahr in der Todeszelle saß und im Anschluss daran fünfzehn Jahre in sowjetischen Lagern verbracht hat: „Der Glaube an die Partei hat mir geholfen – und daran, dass das Böse nicht von Partei und Regierung ausgeht, sondern vom bösen Willen irgendwelcher Menschen, welche kommen und gehen, während alles andere bleibt.“

          Reinhard Veser
          Redakteur in der Politik.

          Die Literatur über die sowjetischen Straflager ist voll von Berichten über solche Menschen, die Stalin, der Partei und den kommunistischen Idealen sogar dann noch demonstrativ die Treue hielten, nachdem sie selbst in die Mühlen des Unterdrückungsapparats geraten waren. Auch in den Sammlungen der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, die seit dem Ende der Sowjetunion systematisch die Lebensgeschichten von Opfern der kommunistischen Diktatur dokumentiert, finden sich viele Zeugnisse solcher Lebensläufe. „Memorial“ hat sie oft von Angehörigen oder Nachfahren dieser Menschen bekommen. Sie haben wegen der Haft ihrer Verwandten, Eltern oder Großeltern in vielen Fällen selbst gelitten – und mussten dann damit zurechtkommen, dass für diese das Bekenntnis zu Partei und Idee schwerer wog als das Schicksal der eigenen Familie.

          Was war es, das Menschen dazu gebracht hat, sogar als Opfer des Systems keine Zweifel an der Richtigkeit des einmal eingeschlagenen Weges zuzulassen? Opportunismus, mit dem sie versuchten, ihr Los im Lager zu erleichtern? Oder tatsächlich ein fester und unverbrüchlicher Glaube, der stärker war als alle Qualen, die ihnen im Namen dieses Glaubens zugefügt wurden?

          Was war dieses „alles andere“, das bleibt? Ist überhaupt etwas vom Kommunismus geblieben außer Millionen zerstörter Leben, Industrieruinen und einem Geheimdienst, der heute die Werte des russischen orthodoxen Christentums hochleben lässt? Der Kommunismus als Herrschaftssystem ist in den Jahren von 1988 bis 1991 an sich selbst zugrunde gegangen; der Kommunismus als Ideologie war schon zuvor so verknöchert und wenig anziehend wie die kranken alten Männer im Kreml, die von den sechziger Jahren bis Mitte der achtziger Jahre über seine Geschicke bestimmten. Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution ist diese außerhalb Russlands nur noch für einige marginale, sektenartige Gruppen ein eindeutig positiver historischer Bezugspunkt.

          Auch über die historische Bewertung der darauffolgenden siebzig Jahre kommunistischer Herrschaft besteht – wiederum außerhalb Russlands – ein breiter Konsens: angefangen von dem Terror gegen politische Gegner, den Lenin schon unmittelbar nach dem Sieg der Bolschewiki im Herbst 1917 lostrat, über die fast dreißig Jahre der Schreckensherrschaft Stalins, das Vorgehen gegen die russischen Dissidenten, die Unterdrückung der Demokratiebewegungen in Polen, Ungarn und der Tschechoslowakei; hinzu kommt die offensichtliche Unfähigkeit der sozialistischen Planwirtschaften, grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, die wesentlich zum Zusammenbruch der Diktaturen beigetragen hat.

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