https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/die-linke-verharmlost-den-kommunismus-noch-immer-15280461.html

Der Westen und die Revolution : Ein verblasster Traum

Doch schaut man genauer hin, dann ist das Bild nicht mehr so eindeutig. Unter demokratischen Linken in Europa werden noch immer die Verbrechen der Bolschewiki – von denen man sich distanziert – gegen die Verdienste der Revolutionäre von 1917 und der weltweiten kommunistischen Bewegung abgewogen. Exemplarisch deutlich wird das an einer Erklärung der Historischen Kommission der Linkspartei zum hundertsten Jahrestag der Oktoberrevolution. Die Linke, heißt es darin, müsse sich mit „Leistungen und Fehlleistungen“ der russischen Revolution kritisch auseinandersetzen: „Sie kann dabei positiv an die Tradition radikaler und aktiver Kriegsgegnerschaft, den entschlossenen und organisierten Kampf gegen kapitalistische Verhältnisse und den mit ihm verbundenen Fortschritten bei der Gleichstellung der Geschlechter, dem Brechen des bürgerlichen Bildungsprivilegs und weiteren großen kulturellen Leistungen anknüpfen.“ Ohne die kommunistischen Staaten, denen „zeitweise bemerkenswerte soziale und kulturelle Leistungen“ zugeschrieben werden, „wären weder das Ende des Kolonialismus noch das ,sozialdemokratische Jahrhundert‘ mit seinen emanzipatorischen, demokratischen und sozialen Fortschritten im Westen denkbar“.

Bild: dpa

Ähnliche argumentative Verharmlosungsstrategien sind in der Auseinandersetzung mit rechten Diktaturen aus guten Gründen mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt. Beim Kommunismus ist das anders, obwohl eigentlich alles dafür spräche, dass er ebenso behandelt werden müsste: Gewalttätigkeit und Intoleranz waren bei Lenin und den Bolschewiki schon vor ihrer Machtergreifung Teil ihres Programms. Und angesichts der Millionen von Toten, die das sowjetische Regime verschuldet hat (allein die bewusst herbeigeführte Hungersnot in der Ukraine 1932/33 forderte nach den niedrigsten Schätzungen etwa 2,4 Millionen Opfer), verbietet sich im Grunde jede Würdigung von sozialen Leistungen des Regimes – zumal es auch nach dem Abklingen des Massenterrors nach Stalins Tod über Jahrzehnte von dessen Mittätern geführt wurde.

Dass dennoch auch manche demokratische Linke für den Kommunismus noch immer mildernde Umstände gelten lassen, hat historische Gründe. In seiner ersten Phase habe der Kommunismus „gleichsam einen moralischen und ideologischen Protest gegen die Verbrechen und das Unrecht des Zeitgeschehens“ dargestellt, hat der polnische Historiker Jerzy Holzer (ein Mann der antikommunistischen Opposition der achtziger Jahre) geschrieben. Dieser Bonus wirkt bis heute nach – zumal er dadurch aufgefrischt wurde, dass die Sowjetunion und Kommunisten im Westen Europas an der Seite der Demokratien gegen Nationalsozialismus und Faschismus gekämpft haben. Deren „Werte“ haben sich selbst diskreditiert – während die kommunistische Propaganda um universelle Werte wie „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ kreiste. Der Traum von einer gerechten und vernünftigen Welt sei zwar durch den „realen Sozialismus“ etwas verblasst, schreibt Holzer, aber er sei auch irgendwie zum Allgemeingut geworden.

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