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Präsidentenwahl in der Ukraine : Die letzte Chance gegen den „Magier“

Mitglieder und Freiwillige der ukrainischen Bürgerinitiative „Widsitsch“ am Samstag auf dem Majdan in Kiew Bild: Sofia Dreisbach

Am Tag vor der Stichwahl um das Präsidentenamt ist das Wahlkämpfen verboten. Doch die Aktivisten von „Widsitsch“ stehen trotzdem auf dem Majdan – um zu „informieren“. Sie versuchen, dem „Komiker“ Selenskyj doch noch Wähler abzujagen.

          Was die Freiwilligen unter den Augen des Erzengels Michael, des Schutzpatrons der Stadt Kiew machen, ist nicht Wahlkampf, denn dieser ist am Samstag, dem Tag vor der Präsidentenwahl, in der Ukraine verboten. Was sie also machen in ihrem blaugelben Zelt auf dem Majdan, ist „informieren“. Konstantin Afanasiew ist 25 Jahre alt und den fünften Tag dabei, er kommt immer vor oder nach der Arbeit vorbei.

          Sofia Dreisbach

          Redakteurin in der Politik.

          Die bevorstehende Stichwahl macht ihn so nervös, dass er sich kaum mehr auf etwas anderes konzentrieren kann. Die Flyer, die er heute verteilt, sehen anders aus als die, die er am Freitag vor dem großen Duell der Kandidaten im Olympiastadion von Kiew ausgeteilt hat. Heute ist das Logo verschwunden, das weiß auf grünem Grund das Wort „Se!“ zeigte.

          „Se!“, so nennt sich das Team des Komikers Wolodymyr Selenskyj. Das Wort war auf Afanasiews Flyern aber rot durchgestrichen, denn die Mitglieder und Freiwilligen der ukrainischen Bürgerinitiative „Widsitsch“ sind dafür, dass Petro Poroschenko eine weitere Amtszeit Präsident bleibt.

          Umfragen deuten auf Sieg Selenskyjs hin

          Die Botschaft lässt sich an diesem sonnigen Frühlingstag in Kiew auch ohne Nennung einer der beiden Kandidaten unter die Leute bringen. Auf dem Majdan im Herzen der Hauptstadt sind viele Touristen und Einheimische unterwegs, vor dem Obelisken steht eine Tanzgruppe, und nicht weit von den „Nicht-Wahlkämpfern“ warten die Zeugen Jehovas mit ihren Tafeln auf Interessierte. Heute ist die letzte Chance für Afanasiew, Wähler Selenskyjs vom Gegenteil zu überzeugen, und die will er nicht verstreichen lassen, auch wenn er nicht mehr an einen Sieg Poroschenkos glaubt. Zu eindeutig sind die Umfragen, die einen haushohen Sieg für den politischen Neuling vorhersagen.

          Der 25 Jahre alte Konstantin Afanasiew

          Die Debatte der beiden Kandidaten im Olympiastadion von Kiew am Freitagabend, zu der nach amtlichen Angaben 22.000 Zuschauer kamen, sollte nach offiziellen Maßstäben Höhepunkt und Ende des Wahlkampfs sein. Doch beide Kandidaten haben Schlupflöcher für den „Tag der Stille“ gefunden, und so hängen überall Plakate Poroschenkos – ohne Namen – und Selenskyj animiert seine Unterstützer über die sozialen Medien. Die Erzählung vom reichen, politikerfahrenen Amtsinhaber und seinem Herausforderer, dem politisch unbeleckten, jungen Komiker und Schauspieler, hat auf der ganzen Welt Interesse erfahren. Doch die Gründe vieler Ukrainer, den einen oder den anderen zu wählen, sind nicht so leicht zu fassen, wie es scheint.

          Hoffen auf einen „Magier“?

          Afanasiew sagt, die Menschen hofften mit Selenskyj auf einen „Magier“, einen, der die Welt sofort wieder in Ordnung bringt. Dabei vergäßen sie, was Poroschenko in den vergangenen Jahren geleistet habe, etwa die Visafreiheit für die EU. Am wichtigsten ist Afanasiew das Thema „Privatbank“: 2016 wurde die größte Bank der Ukraine verstaatlicht. Der ehemalige Miteigentümer, der Oligarch Ihor Kolomojskij, der sich mit Poroschenko überworfen hat, fordert zwei Milliarden Dollar Entschädigung.

          Spannend für den Wahlkampf ist der Fall deswegen, weil Kolomojskij Besitzer des Fernsehsenders 1+1 ist, in dem die meisten Shows mit Selenskyj laufen. Außerdem hat Selenskyj den Oligarchen in den vergangenen Jahren mehrmals an dessen Wohnsitzen im Ausland besucht, wie Recherchen ukrainischer Medien ergaben. Kritiker werfen Selenskyj deswegen vor, nach seiner Wahl werde er Kolomojskij begünstigen – etwa mit einer Entschädigungszahlung. Befeuert wurde die Diskussion, als das Kiewer Verwaltungsgericht am Donnerstag entschied, die Verstaatlichung sei gesetzeswidrig gewesen. 

          Die meisten Selenskyj-Anhänger kann dieser Fall nicht umstimmen. Sie wählen ihn, weil er ein neues Gesicht ist. Sergey etwa, 65 Jahre alt und ehemaliger Ingenieur, wird zwar für den Komiker stimmen, will das aber als Stimme gegen Poroschenko verstanden wissen. Für ihn ist der Amtsinhaber ein „Bandit“. Zwar hat er die Debatte der beiden nicht verfolgt, doch er benutzt Selenskyjs Worte, als er am Samstag auf dem Prachtboulevard Kreschtschatik sagt: „Wir sind das ärmste Land und haben den reichsten Präsidenten.“ Er könne sich nicht einmal Medizin oder eine neue Jacke leisten.

          Wassili wählt morgen auch den Komiker, für seine drei Kinder, wie er sagt. Zwar ist der 44 Jahre alte Mann aus dem Donbass dankbar, dass die Regierung ihm nach dem Ausbruch des Krieges geholfen hat, in Kiew Fuß zu fassen. Doch er findet auch, dass das Land einen Neuanfang braucht „Die Ukraine ist ein schönes Land. Die Europäer sollten hierherkommen, um zu arbeiten – nicht umgekehrt.“

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