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Religion im Reich der Mitte : Die Katholiken in China verstehen den Papst nicht mehr

Chinesische Pilger im Sommer 2016 auf dem Petersplatz bei einer Papstaudienz. Bild: mauritius images

Schon am Samstag könnte der Vatikan ein historisches Abkommen mit China unterzeichnen. Doch den Gläubigen drohen damit Einschränkungen und Repressionen.

          Peter Liu, ein ranghoher Kirchenmann aus dem Südosten Chinas, versteht den Papst nicht mehr. Der Vatikan will offenbar ein Abkommen mit der chinesischen Regierung unterzeichnen; im Kern geht es um die Frage, wer künftig Chinas Bischöfe einsetzen darf: Rom oder Peking. Ausgerechnet jetzt, da im Reich der Mitte wieder Kreuze von Kirchen abmontiert würden. Jetzt, wo ein neues Religionsgesetz die Glaubenspraxis weiter einschränke. Zu einer Zeit, in der an manchen Orten Jugendliche unter 18 Jahren keine Gottesdienste mehr besuchen dürften. „Repressionen auf der einen und Verhandlungen auf der anderen Seite, das passt nicht zusammen“, sagt Liu.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Der Mann ist hin- und hergerissen, was die Entwicklungen der vergangenen Wochen angeht. Er will nicht illoyal gegenüber dem Papst erscheinen, sagt Sätze wie: „Wenn es zu dem Abkommen kommt, werden wir dem Heiligen Stuhl gehorchen.“ Er will auch nicht wirken wie einer, der sein Schicksal über das große Ganze stellt. „Das Wirken des Heiligen Geistes ist größer als die Argumente, die uns so klar erscheinen“, sagt er demütig. Dann findet Liu doch noch klare Worte: Das geplante Abkommen sei ein „Schurkenstück“. Es werde „viel Streit und Abspaltungen“ unter Chinas Katholiken geben. Die moralische Autorität der Kirche könne geschwächt werden. Es gebe gar einige Radikale, die behaupteten, Franziskus sei „ein falscher Papst“.

          Peter Lius richtiger Name lautet eigentlich anders, er kann aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Das Treffen musste heimlich organisiert werden, denn Liu steht unter erweitertem Arrest. Er darf seine Diözese nicht verlassen.

          Chinas Katholiken sind gespalten

          Seit gut einem Monat verdichten sich die Anzeichen, dass der Vatikan und die chinesische Regierung womöglich kurz vor einer Einigung stehen. Es wäre der Schlusspunkt eines jahrzehntelangen Ringens, ein historischer Schritt. Doch unter jenen Katholiken, die in China der vatikantreuen Untergrundkirche angehören, hat die Nachricht zu tiefer Verunsicherung, Enttäuschung, ja Verbitterung geführt.

          Der Streit zwischen Peking und Rom geht zurück auf das Jahr 1957, als in China die Katholisch-Patriotische Vereinigung gegründet wurde. Sie ordnet sich dem Staat unter, nicht aber dem Papst als Oberhaupt der Kirche. So will es die Kommunistische Partei, der alle Organisationen suspekt sind, die sich ihr nicht unterwerfen, erst recht solche mit Verbindungen ins Ausland. Mit der katholischen Lehre und der Idee der Weltkirche ist das aber nicht vereinbar, wie zuletzt Papst Benedikt bekräftigt hatte. Die beiden unvereinbaren Sichtweisen spalten Chinas derzeit rund zehn Millionen Katholiken: etwa zu gleichen Teilen in die „patriotische“ Kirche und die vatikantreue Untergrundkirche.

          „Ich bin mir nicht mehr sicher, ob der Heilige Stuhl uns hilft oder gegen uns ist“, sagt ein älterer Priester, dessen Name ebenfalls nicht genannt werden kann. Er hat drei Jahrzehnte im Gefängnis verbracht, weil er sich weigerte, die Patriotische Vereinigung anzuerkennen. „Ich wollte den Papst nicht verleugnen“, sagt er. Wie sinnlos muss sein Leiden ihm erscheinen, wenn ebendieser Papst nun in einem Abkommen die Patriotische Vereinigung anerkennen würde? „Da würde ich nicht mitmachen“, sagt der Priester und greift sich an die Gurgel, um zu verdeutlichen, was dies für ihn bedeutete. Sollte es so kommen, so glaubt er, dann könnten er und Gleichgesinnte den Gottesdienst bald nur noch heimlich im kleinsten Kreis feiern. So wie während der Kulturrevolution.

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