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Religion im Reich der Mitte : Die Katholiken in China verstehen den Papst nicht mehr

Untergrundkirche, das klingt nach versteckten Orten und heimlichen Predigten. In Wirklichkeit verfügt sie über große, weithin sichtbare Gotteshäuser – aber nicht über Rechtssicherheit. Ihre Priester und Bischöfe werden regelmäßig inhaftiert oder unter Hausarrest gestellt.

Im vergangenen Jahr war zum Beispiel der Bischof von Wenzhou, Shao Zhumin, in der Karwoche von der Staatssicherheit einbestellt worden, um ihn daran zu hindern, die Ostermesse zu zelebrieren. Bevor er sich selbst einlieferte, rief er eilends seine Priester zu einer vorgezogenen Ölmesse zusammen, um ihnen die geweihten heiligen Öle für Taufen, Firmungen oder für Kranke zu übergeben, wie eine Person aus seinem Umfeld berichtet. Die Staatssicherheit zwang ihn, monatelang an verschiedenen Orten des Landes in Hotelzimmern zuzubringen, zum Teil im selben Raum wie seine Bewacher. 24 Stunden am Tag. Einen Teil der Zeit verbrachte er mit erzwungenen touristischen Besuchsprogrammen. In Wenzhou fragt man sich nun: Wird er auch diesmal vor Karfreitag wieder abgeholt?

Es könnte zu Verhaftungen kommen

Unklar ist auch, wie sich das Religionsgesetz in der Praxis auswirken wird, das seit 1. Februar in Kraft ist. Es stellt alle religiösen Aktivitäten unter Strafe, die gegen das Prinzip der „Unabhängigkeit“ verstoßen – also all jene, die sich den Weisungen des Papstes unterwerfen. Bislang sind keine Fälle bekannt geworden, in denen Gottesdienste verhindert wurden. Doch das kann noch kommen.

Immer wieder werden auch Untergrundkirchen abgerissen oder Kreuze von den Dächern geholt. In Wenzhou stehen die Kirchen wie amputiert in der Landschaft, mit einer Überwachungskamera am Eingang. Kürzlich kursierte im Internet ein Video, das zeigt, wie ein Kreuz an einem Kran hängt. Es wurde am 9. März vom Dach des alten Bischofsgebäudes von Xianqiu in der Provinz Henan abmontiert. Inzwischen hat die Zensur das Video blockiert.

Es ist nicht so, dass die Grenze zwischen „patriotischer“ und Untergrundkirche völlig undurchlässig wäre. In Wenzhou etwa wechselte ein Untergrundbischof in den neunziger Jahren in die staatliche Kirche und nahm fast die Hälfte der Gläubigen mit sich. Auch nennen viele „patriotische“ Priester Bischof Shao Zhumin in ihrem Hochgebet, obwohl Peking ihn nicht anerkennt.

Welcher Geist aber in der Bischofskonferenz herrscht, hat deren Generalsekretär gerade in einem Interview mit der „Global Times“ deutlich gemacht: Der Katholizismus müsse sich der sozialistischen Gesellschaft anpassen, um sich in China entwickeln zu können, sagte Guo Jincai, dessen Ernennung zum Bischof Papst Benedikt 2010 als „ernsten Verstoß gegen Kirchenrecht“ gegeißelt hatte. Guo ist auch Delegierter des chinesischen Scheinparlaments. Diese Rolle, sagte er, helfe ihm, Gläubige darin anzuleiten, der politischen Stabilität des Landes zu dienen.

So undenkbar erscheint Peter Liu eine Vereinigung mit Leuten wie Guo, dass er das Vertrauen in den Vatikan verloren hat. Die Berater des Papstes seien entweder „Spione der Kommunistischen Partei“, oder sie seien naiv und würden Franziskus die wahren Fakten vorenthalten. Seine Papst-Treue ist aber ungebrochen. „Wenn Franziskus sagt, ich soll die Patriotische Vereinigung morgen anerkennen“, sagt Peter Liu. „Dann würde ich es morgen machen. Aber niemals heute.“

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