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Religion im Reich der Mitte : Die Katholiken in China verstehen den Papst nicht mehr

Der Katholizismus stagniert, protestantische Kirchen florieren

Befürworter eines Abkommens, wie der Generalsekretär der chinesischen Bischofskonferenz, Guo Jincai, verweisen darauf, dass wegen des anhaltenden Streits über die Weihe etwa ein Fünftel der Bischofssitze unbesetzt sind. Viele amtierende Kirchenväter haben zudem das übliche Rentenalter von 75 Jahren weit überschritten.

Das ist wohl auch einer der Gründe, warum der Papst auf eine Lösung dringt. Ein weiterer mag sein, dass der Katholizismus in China seit Jahren stagniert, während protestantische Kirchen wie Pilze aus dem Boden schießen. Sie füllen das Sinnvakuum, das der staatlich geförderte Materialismus und der Slogan-Sozialismus hinterlassen haben. Inzwischen gibt es sechsmal mehr Protestanten als Katholiken in China.

Franziskus hat früh deutlich gemacht, dass er eine Normalisierung der 1951 abgebrochenen Beziehungen zwischen China und dem Vatikan anstrebt. 2014 durchflog er auf seiner Reise nach Südkorea mit Pekinger Erlaubnis den chinesischen Luftraum und erklärte, er würde das Land „schon morgen“ besuchen, wenn er dürfte. Auch die Regierung in Peking sandte Signale der Annäherung. Sie ließ dem Papst einen Abdruck einer Stele aus Xian aus dem achten Jahrhundert übergeben, die als frühestes Zeugnis des Christentums in China gilt. Pekings Interesse an einem Abkommen hat auch damit zu tun, dass der Vatikan noch diplomatische Verbindungen zu Taiwan unterhält.

Vatikan forderte Papsttreue Bischöfe zum Rücktritt auf

Im vergangenen Monat verbreitete sich die Nachricht, dass Gesandte des Vatikans die papsttreuen Bischöfe der Untergrundkirchen von Shantou und Mindong zum Rücktritt aufgefordert hätten. Sie sollen Platz machen für die lokalen Führer der offiziellen Kirche. Ein großes Zugeständnis an Peking. „Als ich das gehört habe, habe ich geweint“, sagt ein Gläubiger aus Wenzhou, der christlichsten Stadt Chinas. Der emeritierte Bischof von Hongkong, Joseph Zen, warf dem Vatikan in einem offenen Brief „Verrat“ vor.

Denn die beiden Peking-Getreuen, zu deren Gunsten die beiden Bischöfe weichen sollen, gehören zu jenen sieben illegitimen Bischöfen, die ohne Zustimmung des Vatikans ernannt wurden. Zwei der sieben haben Kinder, die übrigen fünf gelten als parteinah. Der Mann aus Shantou zum Beispiel, Joseph Huang Bingzhang, war 2011 exkommuniziert worden, nachdem Peking im Alleingang seine Weihe veranlasst hatte. Geistliche der Untergrundkirche waren damals fünf Tage lang in einem Hotel festgehalten worden, um sie zur Teilnahme an der illegitimen Weihe zu zwingen.

Auch Pekings Mann in Mindong, Zhan Silu, war 2012 Teil einer gezielten Provokation. Er nahm gegen den Willen der Beteiligten an der Weihe des Bischofs von Schanghai, Thaddeus Ma Daqin, teil. In seiner Seelennot erklärte dieser daraufhin seinen Austritt aus der Patriotischen Vereinigung und steht seither unter Arrest. Dass ausgerechnet der Untergrundbischof von Mindong weichen soll, stößt auch deshalb auf Unverständnis, weil ihm derzeit 90 Prozent der Katholiken in der Diözese folgen, dem „patriotischen“ Bischof Zhan Silu dagegen nur 10 Prozent.

„Das sind Marionetten der chinesischen Regierung“

Im Falle einer Einigung mit dem Vatikan könnten ebendiese Männer die Leitung der Kirche übernehmen, glaubt Peter Liu. „Das sind Marionetten der chinesischen Regierung“, sagt er. Die etwa 30 von Peking nicht anerkannten vatikantreuen Bischöfe müssten sich dann ihren Anweisungen unterwerfen.

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