https://www.faz.net/-gpf-790lg

Die Kanzlerin in Afghanistan : Merkel zollt Gefallenen Respekt

  • Aktualisiert am

Bundeskanzlerin Merkel, zusammen mit Verteidigungsminister de Maizière am Ehrenmal der gefallenen deutschen Soldaten in Kundus Bild: AFP

Merkels erster Gang im Feldlager Kundus führt sie zum Ehrenhain, wo sie der Gefallenen des Einsatzes gedenkt. Sie forderte zudem die afghanische Regierung zu weiteren Reformen auf. Kabul reagierte unterkühlt auf den unangekündigten Besuch Merkels.

          3 Min.

          Knapp eine Woche nach dem Tod eines deutschen Elite-Soldaten in Afghanistan hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Truppenbesuch den Gefallenen ihren Respekt gezollt. Bei einer Andacht und einem Gebet am Ehrenhain im Bundeswehr-Feldlager im nordafghanischen Kundus erinnerte sie am Freitag an die Toten des Einsatzes. Sie sagte, „jeder Gefallene oder Verletzte ist ein schwerer Schlag für uns“. Der jüngste Todesfall habe nochmals vor Augen geführt, dass die Situation in Afghanistan „kompliziert ist“. Vor den Soldaten sagte sie: „Da ist mir natürlich wieder auch  bewusstgeworden, dass Sie Ihren Dienst tun nicht einfach aus Pflichterfüllung, sondern auch unter großen, großen Risiken.“

          Vor dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes 2014 mahnte Merkel weitere Reformen in Afghanistan an. „Wir werden ein Auge darauf haben, dass der politische Prozess hier vorangeht“, sagte sie in Kundus. Als anstehende Aufgaben nannte die Kanzlerin die Vorbereitung der Präsidentschaftswahl im April 2014 und den Aufbau der Wirtschaft. „All das vollzieht sich zum Teil mühselig, zum Teil etwas langsamer als wir uns das wünschen“, sagte Merkel. „Aber es ist unabdingbar dafür, dass der militärische Einsatz nicht alleine stehenbleibt, sondern dass er wirklich Erfolg hat.“

          Im Hubschrauber: Angela Merkel mit dem Kommandeur der Division Spezielle Operationen, Generalmajor Jörg Vollmer, auf dem Weg nach Kundus

          Zur laufenden Truppenreduzierung der Bundeswehr in Afghanistan sagte Merkel: „Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Dienst in der verbleibenden Zeit genauso gefährlich ist, genauso aufmerksam durchgeführt werden muss, wie das in all den Jahren zuvor war.“ Bis zum Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes Ende 2014 sollen die afghanischen Sicherheitskräfte (ANSF) schrittweise mehr Verantwortung im Land übernehmen.

          Die Nato will die ANSF auch nach 2014 in einer Folgemission ausbilden, beraten und unterstützen. Merkel bekräftigte den Willen der Bundesregierung, sich ab 2015 weiter militärisch in Afghanistan zu engagieren. Sie ermunterte auch andere Länder, das auch zu tun.

          800 deutsche Soldaten nach 2014

          Am vergangenen Samstag war in der an Kundus angrenzenden Provinz Baghlan ein Elite-Soldat des Kommandos Spezialkräfte (KSK) getötet worden. Es war das erste Mal, dass ein KSK-Soldat in Afghanistan fiel. Der Hauptfeldwebel geriet bei einer gemeinsamen Operation mit afghanischen Kräften in einen Hinterhalt der Taliban. Merkels Reise war schon vor dem Todesfall geplant, hatte dadurch aber zusätzliche Bedeutung erlangt. Der 32 Jahre Bundeswehrangehörige war der erste deutsche Soldat seit fast zwei Jahren, der in Afghanistan getötet wurde.

          Die Bundesregierung hatte nach dem Tod des KSK-Soldaten erklärt, unverändert an ihrer Afghanistan-Strategie festhalten zu wollen. Dazu gehört das Angebot, auch nach 2014 bis zu 800 Soldaten für Ausbildung und Beratung der afghanischen Armee zur Verfügung zu stellen. „Wir wollen die Afghanen und Afghanistan nicht einfach im Stich
          lassen“, sagte Merkel im nordafghanischen Bundeswehr-Hauptquartier in Masar-i-Scharif. „Wenn die anderen Nationen mitmachen, dann ist Deutschland bereit, auch nach 2014 in ganz anderer Form weiter Verantwortung zu übernehmen.“ Die Kanzlerin stellte aber auch klar, dass es keine bedingungslose Hilfe gebe. „Wir erwarten Fortschritte, wir erwarten faire Wahlen, wir erwarten einen politischen Prozess, denn die Besiegung der Aufständischen wird alleine durch militärische Kraft auch nicht gelingen.“

          4.300 Bundeswehrsoldaten verteilt auf vier Stützpunkten

          Fünfter Besuch der Kanzlerin

          Merkel war am Freitagmorgen in Begleitung von Verteidigungsminister Thomas de Maizière in Masar-i-Scharif gelandet, wo die Bundeswehr ihren größten Standort in Afghanistan unterhält. Von dort aus flog die Delegation mit Merkel per Hubschrauber nach Kundus.

          Zu Hamid Karzai nach Kabul fliegt Merkel nicht - wie schon bei
          ihrer vorherigen Reise im März 2012 macht sie dem afghanischen
          Präsidenten nicht ihre Aufwartung. Die deutsche Botschaft informiert
          Karzais Regierung erst kurz vor Merkels Landung überhaupt darüber,
          dass die Kanzlerin das Land besucht - aus Sicherheitsgründen, wie es
          aus deutschen Regierungskreisen heißt.




          In Kabul fühlt man sich düpiert. Ein Karzai-Berater sagte am Freitag, es sei „ziemlich respektlos“, wenn ausländische Regierungsvertreter das Land besuchten, ohne die afghanische Regierung darüber vorab in Kenntnis zu setzen. Karzai wird nicht müde zu fordern, westliche Staaten sollten sein Land endlich wie einen souveränen Staat behandeln.

          Es ist Merkels fünfter Afghanistan-Besuch seit 2007.  Erstmals flog die Kanzlerin mit einem Regierungs-Airbus direkt von Berlin nach Masar-i-Scharif. Bei den vorangegangenen Reisen stieg sie aus Sicherheitsgründen im usbekischen Termes in eine Militärmaschine mit Raketenabwehrsystem um.

          In Kundus wollte Merkel auch mit KSK-Soldaten zusammenkommen. Die Bundeswehr will das Feldlager in Kundus im Herbst an die Afghanen übergeben und den verlustreichen Einsatz in der Unruheprovinz dann nach knapp zehn Jahren beenden. Derzeit sind noch rund 4300 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan stationiert. Bei dem Einsatz kamen bislang 53 deutsche Soldaten ums Leben. 35 davon starben bei Angriffen und Anschlägen.

          53 tote deutsche Soldaten in Afghanistan

          Beim Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan sind bisher 53 deutsche Soldaten ums Leben gekommen. 35 davon starben bei Gefechten oder Anschlägen. Anfang Mai hatte die Truppe den ersten Gefallenen seit fast zwei Jahren zu beklagen. 2012 war das erste Kalenderjahr seit Beginn des Einsatzes, in dem die Bundeswehr ganz von Verlusten verschont blieb. Einige der schwerwiegendsten Anschläge, Gefechte und Unfälle:

          4. Mai 2013: Bei einem Gefecht mit Aufständischen in der
          nordafghanischen Provinz Baghlan wird ein Soldat der Eliteeinheit KSK
          getötet, ein weiterer Soldat wird verletzt. Es ist das erste Mal,
          dass ein KSK-Soldat im Einsatz in Afghanistan stirbt.

          2. Juni 2011: Bei einem Sprengstoffanschlag in der Provinz Baghlan
          stirbt ein deutscher Soldat. Außerdem werden zwei Soldaten der
          Bundeswehr schwer und drei weitere leicht verletzt.

          28. Mai 2011: Bei einem Anschlag am Sitz des Gouverneurs der Provinz
          Tachar werden im nordafghanischen Taloqan zwei deutsche Soldaten
          getötet. Fünf ihrer Kameraden werden verletzt, unter ihnen auch der
          damalige deutsche Kommandeur der Internationalen Schutztruppe Isaf in
          Nordafghanistan, General Markus Kneip.

          18. Februar 2011: Im Bundeswehr-Außenposten OP North in der Provinz
          Baghlan richtet ein afghanischer Soldat ein Blutbad an und tötet drei
          deutsche Soldaten. Es gibt mehrere Schwerverletzte.

          15. April 2010: Bei zwei Anschlägen in der Provinz Baghlan werden
          vier Bundeswehrsoldaten getötet. Drei sterben in ihrem gepanzerten
          Fahrzeug „Eagle IV“ bei der Detonation einer ferngezündeten
          Sprengfalle. Ein Oberstabsarzt kommt ums Leben, als sein gepanzertes
          Sanitätsfahrzeug von Aufständischen beschossen wird.

          2. April 2010: Bei schweren Gefechten im Unruhedistrikt Chahar Darreh in
          der Provinz Kundus werden am Karfreitag drei Bundeswehrsoldaten
          getötet, acht weitere Deutsche werden schwer verletzt.

          23. Juni 2009: Nach einem Feuergefecht in der Provinz Kundus sterben
          drei Bundeswehrsoldaten, als ihr Transportpanzer bei einem
          Ausweichmanöver umkippt.

          19. Mai 2007: Bei einem Selbstmordanschlag eines Taliban-Terroristen
          auf einem Markt in Kundus-Stadt werden drei deutsche Soldaten
          getötet, zwei weitere werden verletzt.

          25. Juni 2005: In der Provinz Tachar kommen bei einem Anschlag
          während einer Entwaffnungsaktion im Distrikt Rustak zwei deutsche
          Soldaten ums Leben.

          7. Juni 2003: Ein mit 150 Kilogramm Sprengstoff beladenes Taxi
          explodiert in Kabul neben einem Bundeswehr-Bus. Bei dem
          Selbstmordattentat werden vier Soldaten getötet und 29 verletzt.

          21. Dezember 2002: Bei einem Hubschrauber-Absturz in der afghanischen
          Hauptstadt Kabul sterben sieben Bundeswehrsoldaten.

          6. März 2002: Bei dem Versuch, alte Raketen zu entschärfen, sterben
          in Kabul zwei deutsche und drei dänische Soldaten. Es sind die ersten
          Todesopfer der Bundeswehr im Afghanistan-Einsatz. (dpa)

          Weitere Themen

          Das steht im Klimapaket der Bundesregierung Video-Seite öffnen

          Neue Gesetze : Das steht im Klimapaket der Bundesregierung

          Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat vor den Delegierten der UN-Klimakonferenz das Klimapaket als wesentlichen Beitrag zum Kampf gegen die Erderwärmung präsentiert. Deutschland stelle damit sicher, dass es sein Klimaziel für das Jahr 2030 erreiche.

          Topmeldungen

          Zwei große Mächte im Welthandel: US-Präsident Donald Trump (links) fasst sich an die Jacke, während er für ein Foto mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping am Rande des G-20-Gipfels in Osaka posiert.

          Trumps Blockade : Schwerer Schlag für den Welthandel

          Donald Trump legt das Instrument zur Streitschlichtung der Welthandelsorganisation lahm. Die EU-Kommission sucht noch nach einer Lösung, um die Blockade zu umgehen.
          Präsidenten Macron und Putin in Paris

          Ukraine-Gipfel in Paris : Die Folgen der Inkonsequenz

          Auf dem Pariser Gipfel ging es nicht nur um den russisch-ukrainischen Konflikt. Sondern auch darum, mit welchen Botschaften der Westen dem russischen Regime entgegentritt. Putin spielt auf Zeit – und der Westen setzt ihm kaum etwas entgegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.