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Die Kandidatin : Ségolène Royal

  • -Aktualisiert am

Frau Royal hat sich gegen „Elefanten” der Partei durchgesetzt Bild: REUTERS

Nun ist sie tatsächlich Präsidentschaftskandidatin der französischen Sozialisten. Mit hohen Sympathiewerten hat sie sich am Parteiapparat vorbei dafür empfohlen. Doch wofür steht Ségolène Royal? Günther Nonnenmacher kommentiert.

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          Nichts scheint normaler, als daß die Favoritin der Umfragen nun auch die Wahl gewonnen hat: Marie-Ségolène Royal ist die erstmals in einer parteiinternen Vorwahl bestimmte Kandidatin der französischen Sozialisten für die Präsidentenwahl im Frühjahr 2007.

          Doch was normal wirkt, ist für den „Parti socialiste“ ganz und gar ungewöhnlich: Die von Francois Mitterrand 1971 aus den Resten der alten „Section francaise de l'internationale ouvriere“ und linken Gruppen und Grüppchen neu begründete Sozialistische Partei wurde bisher von den Führern ihrer verschiedenen Strömungen („courants“) beherrscht: Auf einem regulären Parteikongreß hätte vermutlich Laurent Fabius, der bei der Vorwahl auf dem letzten Platz gelandet ist, die größten Siegchancen gehabt. Bemerkenswert ist auch, daß Parteichef Hollande, der „geborene Kandidat“, erst gar nicht angetreten ist: Seine Kritiker werfen ihm vor, er habe von vornherein seine Lebensgefährtin Royal begünstigt.

          Gegen die „Elefanten“

          Die jetzt von den Parteimitgliedern gewählte Kandidatin war zwar unter dem Präsidenten Mitterrand Ministerin. Aber sie hat nie eine führende Rolle in der Politik gespielt. Frau Royal hat sich am sozialistischen Establishment vorbei gegen die sogenannten „Elefanten“ der Partei durchgesetzt. Sie hat dies nicht nur geschafft, weil sie als Frau gegenüber den ergrauten männlichen Größen der Vergangenheit die Zukunft zu verkörpern schien.

          Frau Royal mit ihrem Lebensgefährten und Parteivorsitzenden Hollande
          Frau Royal mit ihrem Lebensgefährten und Parteivorsitzenden Hollande : Bild: AP

          Sie hat mit einer von langer Hand geplanten Werbekampagne, die sich direkt an die Öffentlichkeit wandte - nicht zuletzt mit Hilfe des Internets -, auch politischen Instinkt und Organisationstalent bewiesen. Es gab eine stetig ansteigende Sympathiewelle für ihre Bewerbung, abzulesen an Umfragewerten, die schließlich auch immer mehr führende Leute der Partei mitriß - einfach, weil „Sego“ die besten Chancen zu bieten schien, das Präsidentenamt, nach zwölf Jahren Chirac, für die Linke zurückzuerobern.

          Feindseliger Parteiapparat

          Frau Royal hat die Partei gewissermaßen von außen erobert. Die einfachen Mitglieder - darunter Zehntausende, die nach einer geschickten Kampagne des Vorsitzenden Hollande erst kürzlich neu in die Partei eingetreten sind - haben, bei hoher Wahlbeteiligung, massiv für sie gestimmt. Aber der Parteiapparat steht ihr nach wie vor fremd oder gar feindselig gegenüber, obwohl oder gerade weil ihr Lebensgefährte dessen Chef ist.

          Die Solidaritätsadressen und Unterstützungsbekundungen ihrer unterlegenen Konkurrenten Strauss-Kahn und Fabius sind darum nicht zum Nennwert zu nehmen. Typischer ist eher die Aussage des ehemaligen Parteivorsitzenden und Premierministers Jospin, Frau Royal stehe für alles, was er immer habe verhindern wollen. Ob der Schwung, den der Vorwahlkampf für die Sozialisten gebracht hat, auf den Präsidentenwahlkampf überspringen wird, ist deshalb eine offene Frage.

          Außenpolitik als bemerkenswerte Leerstelle

          Ebenso unklar ist, wofür Frau Royal programmatisch steht. In ihrem langen Werbefeldzug ist sie bewußt vage geblieben und hat sich noch nicht einmal auf ihre eigenen Worte vom Vortag festlegen lassen. Ihr Notausgang war stets der Verweis, sie stehe hinter dem Programm der Sozialisten. Als Steckenpferd hat sie die Idee einer „partizipativen Demokratie“ geritten.

          Was das im einzelnen bedeuten sollte, hat sie nie gesagt. Frau Royal hat immer wieder Stichworte in die Debatte geworfen, die bürgerliche Wähler ansprachen - etwa zu Problemen der Erziehung, der Bildung und der inneren Ordnung. Auf Nachfragen hat sie ihre Aussagen gleich wieder relativiert.

          Die größte Unbekannte jedoch sind die Vorstellungen, die die Präsidentin der französischen Region Poitou-Charentes von Außenpolitik und internationalen Beziehungen hat. Für eine Kandidatin, die ein Amt anstrebt, das vor allem auf diesen Gebieten prägend wirkt, ist das eine bemerkenswerte Leerstelle.

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