https://www.faz.net/-gpf-97p80

Italienische Protestbewegung : Verglühende Sterne

Nur ein kurzer Auftritt? Die Fünf-Sterne-Politiker Riccardo Fraccaro, Luigi Di Maio, Virginia Raggi und Filippo Nogarin Bild: Imago

Die Protestbewegung der Fünf Sterne in Italien erlebte einen raschen politischen Aufstieg. Der könnte ihnen nun zum Verhängnis werden.

          4 Min.

          In der Nacht zum 10. September 2017 fand Filippo Nogarin lange keinen Schlaf. Und dann zu viel. Die Schwierigkeiten beim Einschlafen und später beim Aufwachen waren die unmittelbare Folge eines gewaltigen Unwetters im Nordwesten der Toskana. Zuerst konnte Nogarin wegen Donnergrollens und prasselnden Regens kein Auge zutun. Und als man den dann doch irgendwann eingeschlafenen Bürgermeister von Livorno in den frühen Morgenstunden anzurufen versuchte, war die Batterie seines Handys leer. Der Strom war ausgefallen. Auch auf anderem Wege war der Bürgermeister nicht zu erreichen.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Binnen zweier Stunden, bis etwa vier Uhr morgens, ging in jener verhängnisvollen Sonntagnacht mehr als die doppelte Regenmenge eines durchschnittlichen Spätsommermonats über Livorno nieder. Weil zuvor wochenlang Dürre geherrscht hatte, waren Böden und Flussbetten ausgetrocknet. Die Springflut riss acht Menschen in den Tod, unter ihnen eine vierköpfige Familie. Die Aufräumarbeiten nach den verheerenden Überschwemmungen dauerten Wochen.

          Rätsel über die politische Farbgebung

          Die Tragödie vom 10. September dürfte auch die politische Karriere von Bürgermeister Nogarin nachhaltig beschädigt haben. Bei den Kommunalwahlen von 2014 war Nogarin von der Protestbewegung Fünf Sterne ein historischer Erfolg gelungen. In der Stichwahl setzte sich der damals 43 Jahre alte Raumfahrtingenieur überraschend gegen den Kandidaten des sozialdemokratischen „Partito Democratico“ (PD) durch. Damit ging nach fast sieben Jahrzehnten die ununterbrochene Herrschaft linker Parteien in der Hafenstadt an der ligurischen Küste zu Ende. Über Livorno, wo 1921 die Kommunistische Partei Italiens gegründet worden war, leuchtete plötzlich nicht mehr der rote Stern, sondern ein irgendwie fremder Stern, über dessen politische Farbgebung man bis heute rätselt.

          Vor wenigen Tagen haben die Strafverfolger der Region Toskana Ermittlungen gegen Nogarin wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung eingeleitet. Als Bürgermeister ist er Chef des Zivilschutzes, und in der Katastrophennacht war er für die Einsatzleitung nicht erreichbar. Erst am Sonntagmorgen gegen sieben Uhr meldete sich der Bürgermeister bei seinen Leuten. Da hatte die Flutwelle längst ihre tödlichen Verwüstungen angerichtet. Schlamm und Geröll blockierten Straßen und Kanäle. Weite Teile der Stadt waren überschwemmt. Livorno sei „auf die Knie gezwungen“ worden, schrieb Nogarin auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Dass er die Nacht der Sintflut im Bett verbracht hatte, erfuhren die rund 160.000 Einwohner der Hafenstadt erst viel später.

          Angesichts der Ermittlungen gegen ihn spricht Nogarin nun von „einem schweren Augenblick für mich – als Bürgermeister und als Mensch“. Kritik an der Justiz will er nicht üben. Angesichts des Todes von acht Menschen müssten die Ermittler „jedes Detail ausleuchten und das Verhalten aller Verantwortlichen untersuchen“, sagt Nogarin. Wenig spricht dafür, dass die Folgen der Überschwemmungen weniger tragisch gewesen wären, hätte das Handy des Bürgermeisters in der Katastrophennacht funktioniert oder wäre er sonstwie erreichbar gewesen. Die Umfragewerte zu Nogarins Amtsführung haben nicht nur wegen seiner unrühmlichen Rolle als Katastrophenmanager Tiefstwerte erreicht. Inzwischen gehört er zu den unbeliebtesten Bürgermeistern im Land. Seine Wiederwahl für eine zweite Amtszeit von fünf Jahren im Juni 2019 scheint derzeit ausgeschlossen – sollte Nogarin überhaupt noch einmal antreten wollen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.