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Aufstrebende Partei : Kroatiens Grüne wollen hoch hinaus

Als Nachfolger eines umstrittenen Langzeitbürgermeisters gewählt: Der Grüne Tomislav Tomašević gewann Ende Mai die Wahl in Zagreb mit deutlichem Vorsprung. Bild: AFP

Im Frühling haben die Grünen das Bürgermeisteramt in Zagreb erobert. Nun wollen sie auch in der kroatischen Peripherie reüssieren. Doch das wird mit Themen wie Geschlechtergerechtigkeit und Ehe für alle nicht leicht.

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          Nicht nur für Kroatien war es eine kleine Revolution, als Tomislav Tomašević am 30. Mai dieses Jahres zum Bürgermeister von Zagreb gewählt wurde. Denn Tomašević gehört einer politischen Strömung an, die im Südosten Europas bisher vor allem durch ihre Irrelevanz aufgefallen war: Die Partei „Možemo“ („Wir können“), als deren Kandidat er die Wahl gewann, rechnet sieht sich dem grünen Spektrum zu. Grüne Parteien spielten bisher aber keine Rolle im politischen Geschehen in den Ländern des früheren Jugoslawiens.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Zumindest in Kroatien ändert sich das aber langsam. „Možemo“ ist im nationalen Parlament vertreten und hat mit dem Bürgermeisteramt der Hauptstadt nun erstmals einen landesweit sichtbaren Posten inne. Das ist Chance und Bürde zugleich. Das Ziel ist, sich landesweit als führende Kraft der kroatischen Linken zu etablieren. Dafür könnte Zagreb das Sprungbrett sein, aber auch die Falltür, sollte „Možemo“ die Erwartungen dort nicht erfüllen. „Wir machen uns darüber keine Illusionen. Das sind die Regeln des Spiels“, sagt Tomašević im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir sind jetzt nicht mehr in der Opposition. Ich muss Entscheidungen treffen und handeln.“

          Inspiration auch für Progressive in Serbien

          Tomašević, Jahrgang 1982, sieht für seine Partei dabei auch eine Chance, die über Kroatien hinausreicht. „Was in Zagreb derzeit passiert, ist ungewöhnlich. Grün-progressive Politik war bisher im Osten Europas nicht sonderlich erfolgreich und in Südosteuropa schon gar nicht. Wir versuchen also auch, Wege zu ebnen, auf denen uns ähnliche Bewegungen in der Region folgen können.“ Tatsächlich wird der Weg von „Možemo“ in der Region genau beobachtet. In Serbien, wo es zumindest in Belgrad ein Potential für eine grüne Partei gibt, wollen einige Nachwuchspolitiker an den Erfolg der kroatischen Grünen anknüpfen, obwohl der Weg noch weit ist.

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          Auch in Kroatien ist noch keineswegs ausgemacht, dass sich „Možemo“ dauerhaft etablieren kann. Noch hat die Partei eine große Hürde zu nehmen: Außerhalb Zagrebs und weniger anderer größerer Städte ist es mit der Unterstützung für die neue Kraft nicht weit her. „Možemo“ ist programmatisch ähnlich aufgestellt wie der grüne Mainstream in Westeuropa. Das ist in der kroatischen Peripherie und in Südosteuropa überhaupt nicht unbedingt förderlich. Mit geschlechtergerechter Sprache, der Ehe für alle, LGBTQ-Flaggen oder Debatten über das Recht auf Geschlechtsumwandlungen bei Minderjährigen lockt man auf dem Land in Slawonien oder Dalmatien keine Hündin hinter dem Ofen hervor.

          Tomašević gibt zu, dass es für seine Partei eine „Herausforderung“ sein werde, auch jenseits der Städte Wähler zu überzeugen. Einige Anliegen von „Možemo“ riefen bei manchen Menschen auf dem Land „gewisse Dissonanzen“ hervor, sagt der Hauptstadtbürgermeister, doch sehe er positive Entwicklungen: „Wenn die Leute sehen, wie wir uns für sie für soziale Gerechtigkeit einsetzen, gewinnen sie auch Verständnis für unseren Kampf für Minderheiten. Vielleicht stimmen sie uns nicht gleich vollkommen zu, aber sie verstehen unsere Anliegen.“

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