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Die G 8 und Afrika : Hilfe ohne Rechenschaft

  • -Aktualisiert am

Kein Mangel an Helfern: In Mali sind 50 Organisationen aktiv Bild: F.A.Z.

Viele Rockstars werden in Heiligendamm anprangern, die G-8-Staaten gäben nicht genug Geld für arme Länder. Derweil werden in Afrika Stimmen lauter, die im Heer von auswärtigen Helfern eine gravierende Entwicklungsbremse sehen. Von Thomas Scheen.

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          Auf den Rocksänger Bono ist Woyle Soyinka nicht gut zu sprechen. „Der hält uns wohl für blöde“, sagt der nigerianische Literaturnobelpreisträger über den Iren und dessen Bemühungen, die Welt auf das Schicksal Afrikas aufmerksam zu machen – beziehungsweise, was er dafür hält.

          „Diese Bonos, Geldofs, und wie sie alle heißen, sagen, dass man uns helfen muss, und unterstellen damit, dass wir dazu selbst nicht in der Lage sind“, schimpft der Nigerianer: „Das ist Rassismus.“ Wie Soyinka denken mittlerweile viele in Afrika, nur will das in den Industrienationen keiner hören. Das beste Beispiel dafür ist Heiligendamm und die neuerliche Diskussion über eine drastische Erhöhung der Entwicklungshilfe. Von bis zu 50 Milliarden Dollar für Afrika bis 2010 ist die Rede.

          Lebensniveau unter dem der späten Kolonialzeit

          Seit 1960 sind schätzungsweise 500 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe in Richtung Schwarzer Kontinent gepumpt worden. Heute ist jedoch vielerorts das Lebensniveau noch unter das der späten Kolonialzeit gefallen. Der kenianische Wirtschaftswissenschaftler James Shikwati plädiert deshalb für ein sofortiges Ende jeder Entwicklungshilfezahlungen. Sie habe Korruption nur gefördert und gleichzeitig zu einer Entmündigung geführt. (Siehe dazu: Interview mit James Shikwati: „Wer Afrika helfen will, darf kein Geld geben“)

          Nicht immer ist Brunnenbau im großen Stil sinnvoll

          Tatsächlich entbindet der beständige Zufluss von Geld die afrikanischen Regierungen von jeder Verantwortung: Weshalb sollen sie das eigene Steuersystem so gestalten, dass mehr als die üblichen knapp sechs Prozent des Haushalts damit bestritten werden können, wenn es ausländische Budgetbeihilfe gibt? Weshalb sollen sie Getreidespeicher bauen, um Hungersnöte rechtzeitig zu verhindern, wenn internationale Hilfsorganisationen längst im Anflug sind? Warum sollen sie Haushaltsmittel bereitstellen, um die vielen von ausländischen Gebern finanzierten Straßen zu unterhalten, wenn diese das doch selbst tun?

          „Gebe ich das Geld nicht aus, kriege ich ein Problem“

          Der unaufhörliche Zufluss von Geldern hat bei fast allen afrikanischen Regierungen zu einer Haltung geführt, die manche als Bettelei auf hohem Niveau bezeichnen. Einen Vorwurf kann man ihnen gleichwohl schlecht machen: Die Afrikaner haben nur die Mechanismen der Entwicklungshilfe durchschaut und machen sie sich zunutze. Entwicklungshilfe ist die einzige Industrie auf der Welt, die keine Rechenschaftsberichte ablegen muss. Das Erfolgskriterium ist oft nur, ob der Mittelabfluss geklappt hat oder nicht. Was dabei wirklich herauskommt, ist unwichtig.

          Oder wie will man sonst die denkwürdige Begegnung mit einem EU-Repräsentanten in Nigeria erklären, der zu fortgeschrittener Stunde und leicht angetrunken beklagte, er habe nach wie vor einen Millionenbetrag in Brüssel liegen, der für Nigeria bestimmt sei, und er erwäge deshalb, die Lokalwahlen finanziell zu unterstützen. Auf die Frage, wie Europa eigentlich dazu komme, dem sechstgrößten Erdölproduzenten der Welt, dessen Elite im Laufe der Jahrzehnte die unglaubliche Summe von 600 Milliarden Dollar veruntreut hat, Wahlen zu bezahlen, antwortete der Diplomat: „Wenn ich das Geld nicht ausgebe, kriege ich ein Problem.“ Entwicklungshilfe in eigener Karrieresache sozusagen.

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