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Die helle Seite der Macht : Warum die Frauen in Belarus den Friedensnobelpreis verdienen

Alleine gegen das System: Eine Demonstrantin in Minsk bedrängt von schwerbewaffneten Polizisten Bild: dpa

Die Proteste in Belarus konnten erst unter dem Schutz der vermeintlich schwächeren Frauen zu einer Massenbewegung anwachsen. Ihre Friedlichkeit und Kreativität sind zum größten Kapital der Regimegegner geworden.

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          Nichts hat das Regime in Belarus so bloßgestellt wie die Proteste von Frauen. Als sie sich im August nach den ersten Nächten der Gewalt in Minsk weißgekleidet und mit Blumen in den Händen zu „Ketten der Solidarität“ aufreihten, standen ihnen die in schwarze Uniformen und Schutzausrüstung gekleideten, behelmten und maskierten Sonderpolizisten mit ihren Schlagstöcken und Schildern hilflos gegenüber. Die Männer wussten nicht mehr, was sie tun sollten. In diesem Moment, in dem die Sicherheitskräfte einer so demonstrativen Gewaltlosigkeit gegenüberstanden, wurde deutlich, wie sehr sich Alexandr Lukaschenkas Herrschaft auf Gewalt stützt. Der farbliche Kontrast zwischen beiden Seiten verstärkte die Wirkung dieser Bilder. Es war unübersehbar, wer auf der dunklen Seite der Macht steht.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Die belarussischen Frauen nutzten auf subversive Weise den Schutz, den ihnen die Geschlechterbilder und der Ehrbegriff einer in vielem konservativen und patriarchalen Gesellschaft boten. Lukaschenka verwendet häufig Phrasen wie „etwas unter Männern besprechen“ oder „eine Sache als Männer ausmachen“. Sie bringen zum Ausdruck, dass Machtkämpfe und politische Auseinandersetzungen eine Angelegenheit zwischen Männern sein sollen. Frauen sind für Typen wie ihn keine vollwertigen Mitwirkenden an diesen metaphorischen oder realen Raufereien unter Männern. Ihnen wird keine Gewalt zugetraut, daher dürfen sie auch nicht mit der gleichen Härte attackiert werden wie Männer. Diese öffentliche Schonung wurzelt in der gleichen Hierarchie, die Prügel für die Partnerin in der Privatheit der eigenen vier Wände legitimieren kann.

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