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Corona-Fälle in Zentralasien : Mit einem Schamanenritual gegen das Virus

Polizeibeamte an einem Checkpoint in der Nähe der kasachischen Millionenstadt Almaty. Bild: AFP

Bis vor kurzem gab es auf Coronavirus-Karten eine Grauzone: Zentralasien. Doch auch hier können die Regime die Pandemie nicht mehr leugnen. Nur ein Herrscher empfiehlt zur Bekämpfung, nach Sitte der Vorväter ein Kraut zu verbrennen.

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          Bis vor kurzem lag zwischen dem auf Coronavirus-Karten oft blassrosa markierten Russland und dem tiefroten Iran und China eine Grauzone: Zentralasien. Zweifel an der Coronavirenfreiheit seiner fünf Staaten gab es schon länger. Jetzt hält die Krise selbst dort offiziell Einzug, wo sie weiter geleugnet wird. Immer mehr Grenzen und Flughäfen sind geschlossen. Hunderte Zentralasiaten, die in Russland arbeiten, strandeten an dortigen Flughäfen.

          Friedrich Schmidt

          Politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.

          Auch Russland, wo bisher 495 Coronavirus-Fälle gemeldet sind, hat seine Grenzen vorige Woche zunächst bis 1. Mai für alle Ausländer geschlossen und so Millionen Gastarbeitern aus den früheren Sowjetrepubliken, besonders aus Tadschikistan, Kirgistan und Usbekistan, das Verdienstmodell zerstört.

          Es war Kasachstan, das relativ wohlhabendste Land Zentralasiens, das am 13. März die ersten vier Coronavirus-Fälle der Region meldete. Alsbald wurden Großveranstaltungen und Feiern verboten, der Notstand ausgerufen, Schulen und Universitäten geschlossen, Freitagsgebete wurden gestoppt. Bis Mittwochmorgen stieg die Zahl der Infizierten auf 72.

          Das Virus sei nicht aus China (mit dem man rund 1800 Kilometer Grenze teilt), sondern aus Europa gekommen, heben die auf Ausgleich mit den reizbaren Partnern in Peking bedachten Behörden hervor. Es gilt eine Quarantäne für die Hauptstadt Nur-Sultan und Almaty, die größte Stadt des Landes.

          Taschkent ist für Ortsfremde inzwischen abgeriegelt

          Am 15. März meldete Usbekistan, das mit 34 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Land der Region, den ersten Coronavirus-Fall. Auch für die Führung in Taschkent war dies der Anlass für das Verbot von Massenversammlungen und Freitagsgebeten sowie Grenzschließungen.

          Bis Dienstag stieg die Zahl auf 50; die Infizierten sollen etwa aus Paris, London und Istanbul ins Land zurückgekehrt sein. Taschkent ist mittlerweile für Ortsfremde abgeriegelt, Märkte und Einkaufszentren geschlossen, im ganzen Land werden Quarantäne-Zentren geschaffen.

          Kirgistan meldete am vergangenen Mittwoch seine ersten drei, aus Saudi-Arabien eingereisten Infizierten, am Freitag drei weitere, die aus Kuweit gekommen seien. Bis Mittwochmorgen waren schon 42 Infizierte gemeldet. Das arme, durch Clanfehden und Korruption gelähmte Kirgistan hatte erst ab dem 9. März Vorbeugungsmaßnahmen ergriffen. Ab diesem Mittwoch gilt in mehreren Landesteilen der Notstand.

          Je autoritärer das Regime, desto weniger Corona-Fälle

          Je autoritärer das Regime, desto weniger Coronavirus-Fälle: Tadschikistan, das bitterarme Land von Dauerherrscher Emomali Rachmon, hat bisher keinen einzigen Fall gemeldet, aber Hunderte Rückkehrer aus dem Ausland auf Verdacht in Quarantäne gesteckt, teils unter unhygienischen Bedingungen, mit Dutzenden Zimmernachbarn und Toilette im Hof. Ganz finster wird es in Turkmenistan. Die Südwestgrenze zu Iran ist geschlossen. Doch im Reich von Gurbanguly Berdymuchammedow sind Schulen und Moscheen weiter offen, es wird für das Wohl des Alleinherrschers gebetet.

          Ein Händler auf einem Markt in der kasachischen Stadt Almaty.
          Ein Händler auf einem Markt in der kasachischen Stadt Almaty. : Bild: Reuters

          Offiziell gibt es kein Coronavirus im Land. Doch gab es Anfang März (anonyme) Berichte über zwei Personen mit Covid-19-Erkrankungen in der Hauptstadt Aschgabad. Diese wurde vorige Woche abgeriegelt. Berdymuchammedow hat seine Untertanen angehalten, gegen Viren nach Vorvätersitte Steppenraute zu verbrennen.

          Schamanen nutzen das Staudengewächs, um böse Geister auszutreiben, eine antivirale Wirkung ist nicht belegt. Doch der Herrscher, ein früherer Zahnarzt, hatte Steppenraute schon in „Heilpflanzen Turkmenistans“ gewürdigt, einem seiner Dutzenden Werke, die Schüler und Minister genau zu studieren haben.

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