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Saudischer Blogger Raif Badawi : „Es geht darum, seinen Willen zu brechen“

  • -Aktualisiert am

Energisch: Die Frau des inhaftierten Dissidenten Raif Badawi. Bild: dpa

Das Urteil gegen den saudischen Dissidenten Raif Badawi führte weltweit zu Protesten. Auch seine Ehefrau ist empört über die fehlenden Menschenrechte in ihrem Heimatland und kämpft für die Freiheit ihres Mannes.

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          Bei einer Antwort muss Ensaf Haidar nicht lange überlegen. „Raif kommt nach seiner Freilassung nach Kanada“, sagt die Ehefrau des in Saudi-Arabien inhaftierten Bloggers Raif Badawi. „Saudi-Arabien ist für ihn viel zu gefährlich.“ Seit 22 Monaten schon wohnt Haidar im Exil in der kanadischen Provinz Quebec - und hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass ihr Mann ihr eines Tages nach Nordamerika folgen könnte. „Wir brauchen Raif“, sagt die 36 Jahre alte Mutter von drei Kindern. „Er hat eine so große Lücke hinterlassen - als Ehemann und als Vater.“

          Noch fünf Tage müssen die beiden Töchter und der Sohn in Kanada nicht nur ohne den seit drei Jahren inhaftierten Freiheitskämpfer auskommen, sondern auch ohne ihre Mutter. Seit Ende September ist Haidar in Europa, um ihr Buch „Freiheit für Raif Badawi, die Liebe meines Lebens“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz vorzustellen. Das Werk sei eine Fortsetzung von Raifs Buch „1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke“, sagt sie in der Dachetage eines schmucken Berliner Verlagsgebäudes. Das Buch solle dem Publikum zeigen, dass eine ganz normale Familie hinter dem drastischen Urteil gegen ihren Mann stehe, das weltweit zu Protesten geführt hatte. „Ich glaube, man weckt mehr Verständnis für Raifs Fall, wenn die Menschen wissen, welche Geschichte dahintersteht.“

          Noch immer drohen Badawi 950 Schläge. Zwar setzten die religiösen Richter des wahhabitischen Königreichs die Prügelstrafe gegen den saudischen Liberalen im Januar wegen gesundheitlicher Bedenken zunächst aus, doch Anzeichen dafür, dass der junge Demokratieaktivist vorzeitig entlassen werden könnte, gibt es keine: Zu tausend Peitschenhieben, einer Geldstrafe von einer Million Riyal (umgerechnet rund 236.000 Euro) und zehn Jahren Haft war er im Mai 2014 verurteilt worden - wegen Beleidigung des Islams, obwohl er nichts weiter als Religionsfreiheit gefordert hatte. Doch allein das machte den heute 31 Jahre alten Mann im Land von Deutschlands wichtigstem Verbündeten auf der arabischen Halbinsel schon zu einem Dissidenten. Im Juni bestätigte der Oberste Gerichtshof in Riad das Urteil.

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          Der Rechtsspruch sieht zudem vor, dass Badawi auch nach einer etwaigen Entlassung aus dem Gefängnis kein wirklich freier Mensch sein wird: Für ein weiteres Jahrzehnt wird er sich weder in visuellen, elektronischen, noch gedruckten Medien äußern dürfen. Als Außenminister Ali Dschubair im August Berlin besuchte, wies er alle Kritik an der Inhaftierung zurück. Die Justiz seines Landes werde unabhängig entscheiden, wie es mit Badawi weitergehe. „Wir akzeptieren keine äußere Einmischung“, sagte Dschubair.

          Haidar schüttelt den Kopf. „Es geht darum, seinen Willen zu brechen“, sagt die Aktivistin. „Raif hat nichts Schlimmes getan, er hat nur seine Meinung geäußert, und die war noch nicht einmal radikal.“ Doch schon das gehe dem Herrscherhaus in Riad zu weit. So sei etwa der Platz vor der Al-Jafali-Moschee in der Hafenstadt Dschiddah, wo ein Strafrichter Badawi im Januar die ersten fünfzig Schläge seiner Strafe verabreichte, davor nie für öffentliche Auspeitschungen genutzt worden. „Was kann es für eine schlimmere Demütigung geben, als vor Hunderten Menschen, die ,Allahu akbar‘ rufen, geschlagen zu werden?“, sagt sie. Dass dort regelmäßig Enthauptungen stattfinden, findet sie entsetzlich. „Ich würde von allen Ländern fordern, dass die Todesstrafe abgeschafft gehört - vor allem ihre öffentliche Vollstreckung.“ Mehr als hundert Menschen hat das Regime des neuen Königs Salman seit Jahresbeginn hinrichten lassen. Ein neuer Rekord, den Landeskenner auf das Erstarken der sunnitischen Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) zurückführen. Immer mehr vor allem junge Leute fühlen sich von den sunnitischen Extremisten angezogen, zumal es dem Herrscherhaus in Riad nicht gelingt, gesellschaftliche Alternativen zur rigiden Auslegung der Mehrheitsströmung des Islams anzubieten.

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