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Spaniens Dörfer : Die demographische Wüste wächst

„Eine würdige Zukunft für die Dörfern von Kastilien“ steht auf einer alten Bushaltestelle. Viele Menschen auf dem Land fühlen sich allein gelassen. Bild: Getty

Spanien wird von rapider Landflucht bedroht. Die verbleibenden Einwohner kämpfen gegen das Sterben ihrer Dörfer, die Regierung arbeitet an einem Notfallplan.

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          Die Katze wirft einen scheuen Blick herüber. Dann verschwindet sie hinter den Häusern mit den heruntergelassenen Jalousien. Auf den Verkehr muss in Ruguilla niemand achtgeben – kein Auto ist auf den Straßen. Es herrscht Stille. Nur in einem kahlen Baum, durch den der Winterwind pfeift, lärmen ein paar Vögel. Darunter fegt eine Straßenkehrerin in einer leuchtend gelben Warnweste die letzten Blätter zusammen. „Wir sind acht“, sagt sie und zählt vorsichtshalber noch einmal mit den Fingern ihrer beiden Hände nach. Erst dachte sie, es wohnten noch zehn Menschen in dem Dorf in der Provinz Guadalajara. Dann erinnert sie sich daran, dass ein Nachbar gestorben und die alte Dame gegenüber ins Altersheim gezogen ist. Die Straßenkehrerin will auf jeden Fall bleiben. „Es lebt sich gut hier“, sagt die Frau, die den einzigen Job in Ruguilla hat – eine befristete Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In der Provinz Guadalajara nördlich von Madrid gibt es Hunderte solcher Dörfer. Der Ort mit seinen Häusern aus grob behauenen Steinen und einem plätschernden Brunnen am Platz vor der Kirche liegt im „Lappland Spaniens“. Der Name hat nichts mit den kalten Temperaturen zu tun, die die Hochebene im Winter manchmal heimsuchen. In diesem „leeren Spanien“, wie es manche auch nennen, sind ähnlich wenige Menschen zu Hause wie im viel unwirtlicheren Lappland im äußersten Norden Europas. Mit insgesamt mehr als 65.000 Quadratkilometern ist das Gebiet doppelt so groß wie Belgien und Katalonien zusammen. Aber es hat nur etwa 460.000 Einwohner. Das sind weniger als sieben pro Quadratkilometer. Fachleute sprechen in solchen Fällen von einer „demographischen Wüste“. Sie ist erst in den vergangenen Jahren entstanden und breitet sich immer weiter aus – zum Beispiel in einem breiten Landstrich auf beiden Seiten der Grenze zwischen Spanien und Portugal. Beide Regierungen arbeiten an einem iberischen Notfallplan gegen die Entvölkerung. Im spanischen Parlament tagt ein Ausschuss für die „demographische Herausforderung“, ohne bisher konkrete Ergebnisse vorzulegen.

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