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Koreanische Zwangsarbeiter : In Südkorea erwächst eine Anti-Japan-Kampagne

Abgegoltene Schuld? Opfer japanischer Zwangsarbeit und deren Angehörige demonstrieren im November in Seoul für Entschädigung. Bild: AP

Die Frage nach der Entschädigung von ehemaligen Zwangsarbeitern spaltet Japan und Südkorea. Ein Streit um Exportkontrollen dient als Vorwand.

          Besprechungsräume in japanischen Ministerien zeichnen sich in der Regel durch weiß-graue Nüchternheit aus. In diesem Fall hatten die Japaner sich noch übertroffen. Ein Tisch, vier Stühle, keine Bilder an den Wänden, keine Getränke auf dem Tisch und in der Ecke gestapelte Stühle. Auf einer weißen Tafel stand, dass es sich um ein administratives Treffen zur Erklärung von Exportkontrollen handelt. Jeder Anschein von Verhandlungen sollte vermieden werden. So empfing das Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie in Tokio jetzt zwei südkoreanische Ministeriale. Die japanischen Beamten standen nicht auf, als die Südkoreaner den Raum betraten. Deutlicher konnte Japans Regierung nicht demonstrieren, dass die Beziehung zu Südkorea auf einem Tiefpunkt angelangt ist. Rund fünf Stunden sprachen die Beamten miteinander und stritten sich danach in getrennten Erklärungen, wer was gefordert oder nicht gefordert habe.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Vordergründig ging es bei dem Treffen tatsächlich um eine administrative Maßnahme. Anfang Juli entzog Japan Südkorea das Vertrauen. Seither müssen Japans Exporteure sich jede einzelne Ausfuhr von drei chemischen Stoffen nach Südkorea gesondert genehmigen lassen. Noch im Juli will Japan Südkorea von der weißen Liste befreundeter Staaten entfernen, für die in der Ausfuhrkontrolle erleichterte Bedingungen gelten. Die Ausfuhr Hunderter Güter nach Südkorea könnte sich damit um Wochen verzögern.

          Südkorea übt auf allen Kanälen Druck aus

          Die Regierung von Präsident Moon Jae-in bemüht alle diplomatischen Kanäle, um Druck auf Japan auszuüben und um eine Aufhebung der schärferen Exportkontrollen zu erlangen. Die Welthandelsorganisation wird sich auf Wunsch Seouls mit dem Fall beschäftigen und auch beim Verbündeten Amerika sprach Südkorea schon vor, um Unterstützung gegen Japan zu erlangen. Die drei Chemikalien, für die Japan die Ausfuhrkontrollen verschärft hat, sind wichtige Vorprodukte für Südkoreas Stolz, die Produktion von Halbleitern und elektronischen Gütern wie Bildschirmen für Handys. Fluorwasserstoff und fluorierte Polyimide stehen auf der Ausfuhrkontrollliste, weil sie auch für die Produktion von Massenvernichtungs- und chemischen Waffen eingesetzt werden können. Fotoresists werden bei der Produktion von Halbleitern verwendet, die zumindest indirekt waffentauglich sind. Japan hat im Angebot der drei Chemikalien eine dominante Marktposition.

          Doch es steckt mehr hinter diesem Außenhandelsstreit. Seoul spricht von Vergeltung, weil südkoreanische Gerichte japanische Unternehmen zu Entschädigungszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter verurteilt haben. Seit das Höchste Gericht Südkoreas im vergangenen Oktober das Unternehmen Nippon Steel zur Entschädigung von vier ehemaligen südkoreanischen Zwangsarbeitern verurteilt hatte, haben sich die Beziehung zwischen Japan und Südkorea drastisch abgekühlt. Japan ist der Meinung, dass mit dem Grundlagenvertrag von 1965 alle Ansprüche aus der Kolonialzeit abgegolten wurden. Das Land zahlte damals 300 Millionen Dollar Wiederaufbauhilfe und 200 Million Dollar vergünstigte Kredite. Dass die Regierung in Seoul jetzt die Ansprüche der ehemaligen Zwangsarbeiter anerkennt, wertet Japan als Vertragsbruch. Nicht zu Unrecht fürchtet die Regierung in Tokio eine Welle neuer Ansprüche. Mehr als 900 Südkoreaner haben schon Klage gegen japanische Unternehmen erhoben. Seit Oktober wurden neue Klagen eingereicht und vorbereitet. Mehr als 200000 Südkoreaner sollen als ehemalige Zwangsarbeiter anerkannt sein.

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