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Dialog mit den Taliban : Klandestines Tauziehen

Gesprächsbereit: Taliban-Kämpfer in Herat geben ihre Waffen ab. Bild: dpa

Washington und Kabul suchen scheinbar auf getrennten Wegen den Dialog mit den Taliban. Die Rolle Pakistans in dem Gesprächsprozess bleibt undurchsichtig.

          3 Min.

          Seit die afghanischen Taliban Anfang des Monats zum ersten mal bestätigt haben, dass sie Kontakt mit den Vereinigten Staaten in Qatar aufnehmen wollen, sind die Hoffnungen auf eine politische Lösung des Konflikts gewachsen. Doch die Eröffnung eines „Taliban-Büros“ in Qatar, über das etwaige Verhandlungen koordiniert werden könnten, erweist sich als schwierige Übung mit politischen Untiefen. Beobachter sehen schon eine Abkehr des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai von dem Prozess und spekulieren über eine von ihm betriebene Parallelveranstaltung.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Seinen Anfang nahm das Gerücht am Wochenende, als die britische BBC einen „hohen afghanischen Regierungsbeamten“ mit den Worten wiedergab: „Selbst wenn das Taliban-Büro in Qatar eröffnet ist, werden wir natürlich andere Anstrengungen in der Region verfolgen, etwa in Saudi-Arabien oder der Türkei.“ Am Dienstag zitierte die „New York Times“ einen weiteren Kabuler Regierungsbeamten, der konkreter wurde. Ihm zufolge hätten sich die Taliban schon für Gespräche in Saudi-Arabien anstatt in Qatar ausgesprochen, und eine afghanische Delegation unter der Führung Karzais werde die Aufständischen „bald“ in Riad treffen.

          Hintergrund des sonderbaren Tauziehens scheint eine Verstimmung zwischen Kabul und Washington zu sein. Offenbar fühlt sich Karzai unzureichend eingebunden in die Vorbereitung möglicher Verhandlungen mit den Aufständischen. In den Vorgesprächen in Qatar soll den Taliban von den Unterhändlern Washingtons unter anderem zugesagt worden sein, ein Schild mit dem Titel „Islamisches Emirat Afghanistan“ anbringen zu dürfen, was dem Büro den Charakter einer offiziellen Vertretung des früheren Taliban-Regimes verleihen würde. Erörtert worden seien auch Möglichkeiten eines Gefangenenaustausches, hieß es in mehreren Berichten. Dabei soll es um fünf Guantánamo-Gefangene auf der einen Seite und drei entführte - und im pakistanischen Wasiristan festgehaltene - Amerikaner auf der anderen gehen. Diskutiert wurden angeblich sogar die Modalitäten, etwa die Frage, in welches Land die Gefangenen überstellt werden sollen.

          Angst, nicht mehr Herr des Verfahrens zu sein

          Der offenbar weitgehende Ausschluss Kabuls von den Vorverhandlungen schürt die Angst in der Regierung Karzai, nicht Herr des beginnenden Verfahrens zu werden. Bislang hatte Washington stets versichert, dass Friedensgespräche „zwischen Afghanen“ stattfinden müssten. So sieht das auch die Regierung Karzai, die sich als erste für direkte Gespräche mit den früheren Herrschern in Afghanistan ausgesprochen hatte. Aber die Taliban weigern sich offiziell bis heute, mit dem „Marionetten-Regime“ in Kabul zu verhandeln.

          Es liegt in der Natur der Sache, dass den Berichten über die klandestinen Kontaktaufnahmen mit den Taliban mit einem gesunden Maß an Misstrauen zu begegnen ist. Offizielle Einlassungen stehen unter dem Verdacht der Kriegspropaganda. Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und Offiziere, die sich im Schutz der Anonymität Journalisten „anvertrauen“, verfolgen in der Regel ebenfalls politische Interessen, wenn sie Informationen und „Einschätzungen“ weitergeben.

          So ist nicht auszuschließen, dass Karzais lancierte Ankündigung, einen alternativen Gesprächskanal zu eröffnen, nur den Druck auf die Vereinigten Staaten erhöhen soll, seine Regierung stärker miteinzubeziehen. Von Beobachtern wie Thomas Ruttig vom „Afghanistan Analysts Network“ wird aber auch für denkbar gehalten, dass Kabuls „andere Anstrengungen“ real sind, und sich die Taliban trotz anderslautender Versicherungen auf einen zweiten Gesprächskanal einlassen könnten, um die Verhandlungspartner gegeneinander auszuspielen.

          Für eine ernsthafte Bemühung Kabuls sprechen die Äußerungen von (anonymen) Regierungsmitgliedern vor dem Besuch der pakistanischen Außenministerin. Wenn Frau Hina Rabbani Khar an diesem Mittwoch in Kabul eintrifft, werde man sie zur Unterstützung der Friedensgespräche in Saudi-Arabien drängen, hieß es. Zu diesem Zweck wolle man unter anderem Zugang zur Führung der Taliban verlangen, die im pakistanischen Quetta vermutet wird und die enge Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst ISI pflegen soll.

          Taliban-Emissäre allesamt aus Pakistan eingeflogen

          Doch die Interessen Pakistans liegen einmal mehr im Dunkeln. Bislang schien Islamabad den Qatar-Prozess zu unterstützen. Die Taliban-Repräsentanten waren allesamt aus Pakistan zu den Vorgesprächen nach Qatar abgeflogen. Der frühere Taliban-Minister für „Laster und Tugend“ und heutige Unterhändler Karzais, Mawlawi Qalmuddin, machte unlängst darauf aufmerksam, dass Islamabad und sein Militärgeheimdienst ISI die Ausreise kaum zugelassen hätten, wären sie gegen die Gespräche gewesen; im vergangenen Jahr hatte der ISI den ranghohen Taliban-Kommandeur Mullah Baradar festgesetzt, nachdem der ohne pakistanischen Segen Gesprächsbereitschaft mit Washington und Kabul signalisiert hatte.

          Ereignisse der vergangenen Tage lassen jedoch Zweifel an Islamabads Unterstützung zu. Kürzlich verweigerte Pakistan dem amerikanischen Beauftragten für die Region, Marc Grossman, einen Besuch. Thomas Ruttig stellt überdies die Enttarnung dreier BND-Mitarbeiter in Peshawar in Zusammenhang mit einer möglichen pakistanischen Kurswende. Die Ausweisung der deutschen Geheimdienstmitarbeiter könnte die „Rache“ dafür gewesen sein, dass Berlin am Zustandekommen der Qatar-Prozesses beteiligt war, schrieb er am Sonntag.

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