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Deutschlands Rolle in Korea : „Nordkorea soll diplomatisch ausgehungert werden“

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un: Als Schüler war er an einer Schweizer Schule Bild: dpa

Nur wenige Staaten pflegen so enge Kontakte mit Nordkorea wie Deutschland. Doch Fachleute bemängeln die Zurückhaltung im Auswärtigen Amt.

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          Wenn Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) seinen Fuß in die entmilitarisierte Zone an der streng bewachten Grenze zwischen Nord- und Südkorea setzt, an diesen symbolisch aufgeladenen Ort der zementierten koreanischen Teilung, dann reist die Frage der Wiedervereinigung mit. Das ist immer so, wenn deutsche Spitzenpolitiker nach Korea reisen. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier überreichte dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in vor einiger Zeit ein Porträt Willy Brandts, der „mit seiner mutigen Ostpolitik den Weg der deutschen Wiedervereinigung gebahnt“ habe. Und auch der Außenminister wird sich Fragen anhören müssen zum deutschen Vorbild für die geteilte koreanische Halbinsel – und nach der Rolle der Deutschen im gegenwärtigen Wiederannäherungsprozess zwischen dem Westen und Nordkorea. Vermutlich auch kritische.

          In den Entspannungsbemühungen zwischen dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong-un spielt Deutschland keine Rolle. Die beiden Staatsführer dominieren die Wahrnehmung und die Berichterstattung, im Hintergrund ziehen ihre Diplomaten sowie die Südkoreas, Chinas und Japans die Fäden. Dabei ist Deutschland für Nordkorea mehr als nur ein weit entfernter europäischer Staat: Wie sonst vielleicht nur Schweden verfügt Deutschland über hervorragende Kontakte in die nordkoreanische Politik und Zivilgesellschaft, vor allem im humanitären und kulturellen Bereich.

          Der Bundestagsabgeordnete und Korea-Fachpolitiker Hartmut Koschyk (CSU) fordert daher eine stärkere Rolle Deutschlands: „Ich würde das sehr begrüßen.“ Korea-Forscher sekundieren: „Ich halte es für richtig, den Dialog und Austausch auf möglichst vielen – sowohl politischen als auch unpolitischen Ebenen – aufrecht zu erhalten und auszubauen“, sagt Hannes Mosler von der FU Berlin. Rüdiger Frank von der Universität Wien, der sich gerade in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul aufhält, schlägt Deutschland als „neutralen Vermittler und Mediator“ im Atomkonflikt zwischen Pjöngjang und Washington vor. Deutschland sei „anerkannt und respektiert, aber ohne mit China oder Amerika vergleichbare unmittelbare politische Interessen auf der Halbinsel“ zu verfolgen.

          Erster Besuch als Außenminister in Südkorea: Heiko Maas (SPD)

          Die wichtigsten Gesprächskanäle laufen über die deutsche Botschaft in Pjöngjang und die nordkoreanische in Berlin. Nur wenige westliche Länder verfügen überhaupt über offizielle diplomatische Beziehungen mit Nordkorea, Deutschland ist eines davon. Der frühere Außenminister Joseph Fischer (Grüne) belebte die Beziehungen 2001 wieder, nachdem sie jahrelang nur noch auf der niedrigeren diplomatischen Stufe einer Ständigen Vertretung Deutschlands in der nordkoreanischen Hauptstadt betrieben worden waren. Botschafter Thomas Schäfer wurde kürzlich pensioniert, sein Nachfolger Pit Heltmann tritt in diesen Tagen sein Amt in Pjöngjang an.

          Die enge Verbundenheit zwischen Deutschland und Nordkorea geht noch auf alte DDR-Verbindungen zurück. Nach 1949 gehörte die DDR zu den engsten Partnern Nordkoreas im Ostblock. Schon früh besuchte man sich, Staatsgründer Kim Il-sung reiste nach Ost-Berlin und in andere Städte, Erich Honecker und später Egon Krenz besuchten die Genossen in Asien. Die DDR beteiligte sich mit Krediten und Arbeitskräften am Wiederaufbau des Landes, das nach dem Korea-Krieg 1950 bis 1953 in Schutt und Asche lag. Noch heute erinnern sich ältere Nordkoreaner in der Hafenstadt Hamhŭng wehmütig und mit Dankbarkeit an die Architekten und Handwerker aus Deutschland, die die zerstörte Stadt neu aufbauen halfen.

          Aber was ist von den positiven Beziehungen im wiedervereinigten Deutschland geblieben? Auf diplomatischer Ebene nicht viel, kritisieren Nordkorea-Fachleute, und sie nehmen dabei das Außenministerium in Berlin in den Blick. „Das Auswärtige Amt scheint der Ansicht zu sein, dass man Nordkorea isolieren sollte“, sagt Mosler. „Ich habe den Eindruck, Nordkorea soll diplomatisch ausgehungert werden, damit man sie in die Knie zwingt, weil man davon ausgeht, dass das Land kurz vor dem Zusammenbruch steht.“

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