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Deutschlands Rolle in Korea : „Nordkorea soll diplomatisch ausgehungert werden“

Erster Besuch als Außenminister in Südkorea: Heiko Maas (SPD)

Vor dem innerkoreanischen Gipfel zwischen Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un und dem südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in im April sollte offenbar ein ranghoher nordkoreanischer Diplomat, der Leiter der internationalen Abteilung der Arbeiterpartei, nach Europa und auch nach Deutschland reisen. Das Auswärtige Amt lehnte nach Darstellung mehrerer Quellen ein Treffen ab, im Bundeskanzleramt sei man hingegen einem Gesprächstermin zumindest auf einer mittleren oder unteren Ebene nicht abgeneigt gewesen. Das Auswärtige Amt will sich dazu öffentlich nicht äußern. Letztlich sagten die Nordkoreaner den Besuch des Diplomaten aus unbekannten Gründen ab. Spätestens seitdem sitzt das Misstrauen der Nordkoreaner gegenüber der deutschen Diplomatie tief, kein leichter Auftakt für den neuen Botschafter, der am Anfang vor allem eines tun muss: Vertrauen schaffen.

Nach Ansicht von CSU-Politiker Koschyk liegt die Zurückhaltung im Auswärtigen Amt darin begründet, dass man dort ohne Not keine weiteren Konfliktherde mit der amerikanischen Regierung schaffen möchte. Andere schildern Fälle von Nordkoreanern, die in Deutschland studieren sollten, die aber letztlich kein Visum bekommen hätten, weil die Bearbeitungszeit herausgezögert worden sei. Woran es auch immer liegen mag, die diplomatische Zurückhaltung trifft auch die Aktivitäten der deutschen Vereine und Initiativen, die seit Jahren und teilweise seit Jahrzehnten enge Kontakte mit Nordkorea pflegen. Das Goethe-Institut war mit einem Lesesaal in Pjöngjang vor Ort, der schon vor etlichen Jahren allerdings wieder geschlossen wurde. In Gesprächen mit Entwicklungshelfern fallen Begriffe wie „Spannungsfeld“, in dem sich Organisationen in Nordkorea bewegten – vor dem Hintergrund unterschiedlicher Strömungen und Ansichten im Auswärtigen Amt, wie mit Nordkorea umzugehen sei. Zitiert werden möchte keiner.

In Nordkorea engagieren sich deutsche Organisationen oft humanitär, in zweiter Instanz betreiben sie immer eine Art „Wandel durch Annäherung“. Das „Interesse in beiden Koreas an den deutschen Teilungserfahrungen ist nach wie vor groß“, sagt Koschyk, freilich unter verschiedenen Prämissen: In Nordkorea wird offiziell ein föderales Korea, also ein Land mit zwei Systemen auf Augenhöhe, propagiert. In Südkorea fürchtet man vor allem den Kollaps des verarmten Nordens, verbunden mit einem möglicherweise unsicheren Verbleib der Atomwaffen und einer orientierungslosen Bevölkerung auf der Flucht. Und die wirtschaftlichen Folgen, die den deutschen Aufbau Ost um ein Vielfaches an Dramatik übersteigen dürften.

Südkorea gehört zu den 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt: Das Land war 2017 die sechstgrößte Exportnation, es hatte das neuntgrößte Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf; beim Wirtschaftswachstum lag es im ersten Quartal 2018 auf Platz sechs. In Nordkorea verschlechtert sich hingegen die ohnehin schon schlechte Situation: Das BIP sei im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent zurückgegangen, schätzt die südkoreanische Zentralbank. Den Rückgang begründen die Notenbanker mit den internationalen Sanktionen, die die nordkoreanische Wirtschaft weitgehend im Zangengriff halten, sowie den Dürren in diesem Jahr.

Mindestens genau so groß sind die kulturellen Unterschiede zwischen den beiden Ländern, in Sprache, Musik, Lifestyle. Anders als in weiten Teilen der früheren DDR lassen sich in Nordkorea heute keine ausländischen Sender empfangen, Internet gibt es nur direkt an den Grenzen und unter großen Gefahren – und die Teilung dauert nun schon knapp 30 Jahre länger als die deutsche. Wie würde Korea wohl dastehen, wäre es analog zu Deutschland schon 1990 wiedervereinigt worden? Die ökonomische Teilung wäre damals schon enorm gewesen, die kulturelle und mentale jedoch geringer als heute.

Nordkoreaner, die als Flüchtlinge in den Süden kommen, kämpfen bisweilen mit massiven Integrationsproblemen, auch weil sie sich als Bürger zweiter Klasse diskriminiert fühlen und im Land der hypermodernen Technik kaum zurechtfinden. Deshalb seien Kontakte mit der Außenwelt umso wichtiger, sagt Mosler. Eine „Art Isolationsbelagerung, wie es einige befürworten, ist eine primitive Methode aus dem Mittelalter und zuvor, die Konfrontation und Aggression provoziert – und dessen Folgen nicht abzuschätzen sind“. Oder wie es Frank sagt: „Eine Lösung kann Deutschland nicht bieten, aber auf dem Weg dorthin helfen.“ Bleibt die Frage, ob sich Außenminister Maas des Themas annimmt.

Begehrter Job oder Strafversetzung? Der deutsche Botschafter in Pjöngjang ist auf schwieriger Mission unterwegs.

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