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Deutschland und Polen : „Wir müssen die schmerzhaften Fragen der Vergangenheit klären“

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Kazimierz Marcinkiewicz Bild: AP

An diesem Freitag reist Bundeskanzlerin Merkel nach Warschau. Der polnische Ministerpräsident Marcinkiewicz im F.A.Z.-Gespräch über die deutsch-polnischen Beziehungen.

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          An diesem Freitag reist Bundeskanzlerin Merkel nach Warschau, wo man auf einen Neuanfang im Verhältnis der Länder hofft. Denn die Beziehungen sind in der Vergangenheit merklich abgekühlt. Der polnische Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz im F.A.Z.-Gespräch.

          Herr Ministerpräsident, wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Deutschland?

          Es gibt kaum ein Land, das ich besser kenne als Deutschland. Ich stamme aus Gorzow Wielkopolski (Landsberg an der Warthe), einer Stadt, von der es bis zur deutschen Grenze nur 50 Kilometer sind. Ich war oft in Deutschland. In unserer Grenzregion haben wir zwischen Deutschen und Polen immer sehr gute Beziehungen gehabt. So ist das eben: Wenn man sich kennt, sind die Beziehungen gut, wenn nicht, gibt es Mißverständnisse.

          Was erwarten Sie von Angela Merkel, wenn sie am Freitag zum ersten Mal als Bundeskanzlerin Polen besucht?

          Ich freue mich auf diesen Besuch, und ich glaube, wir können in unseren bilateralen Beziehungen ein neues Kapitel öffnen. Das Verhältnis zwischen unseren Ländern wird sich verbessern, wenn wir die Angelegenheiten klären, die noch als Fragezeichen zwischen uns stehen.

          Das vorherige polnische Parlament hat vergangenes Jahr die Regierung aufgefordert, mit Deutschland über Reparationen für die Schäden des Zweiten Weltkriegs zu verhandeln. Die damalige Linksregierung hat das abgelehnt. Werden Sie dieser Aufforderung jetzt Folge leisten?

          Es ist sehr wichtig, daß die Wahrheit auf den Tisch kommt. Wir brauchen das, um gemeinsam eine gute Zukunft aufzubauen.

          Wird also Ihre Regierung das Thema aufgreifen?

          Wir haben ein neues Parlament, und wir fangen von vorne an. Dennoch: Alle ungelösten Probleme bedürfen der Klärung. Die Vergangenheit ist manchmal schmerzhaft, aber es ist besser, schmerzhafte Fragen zu klären, als süße Lügen zu verbreiten.

          In der Koalitionsvereinbarung zwischen Union und SPD ist das Zentrum gegen Vertreibungen nicht ausdrücklich erwähnt. Wie interpretieren Sie das?

          Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, und ich sehe das positiv. Ich bin allerdings der Überzeugung, daß das Wort „Vertreibung“ nicht richtig gewählt ist, um die Schicksale der Völker zu beschreiben, die während des Weltkriegs und danach zwangsweise umgesiedelt wurden. Das Wort „Zwangsumsiedlung“ wäre richtig und nicht das Wort „Vertreibung“. Diese Völkerbewegungen waren das Ergebnis des Krieges. Sie müssen so beschrieben und definiert werden, wie es der damaligen Situation entspricht, und nicht aus heutiger Perspektive.

          Außenminister Bartoszewski hat 1995 in einer Rede vor dem Bundestag noch anders geklungen. Er zitierte damals den Essayisten Lipski mit dem Wort: „Wir haben uns daran beteiligt, Millionen Menschen ihrer Heimat zu berauben... Das uns angetane Böse, auch das größte, ist aber keine Rechtfertigung und darf auch keine sein für das Böse, das wir selbst anderen zugefügt haben.“ Wird dieses selbstkritische Geschichtsbild jetzt revidiert?

          Ich möchte keine neue Auslegung der Ereignisse von damals, aber die Wahl der Worte ist wichtig. Ich weiß, daß meine Eltern und Großeltern niemanden vertrieben haben.

          Europa debattiert über seine Finanzen, und manche wollen die Hilfen für die neuen EU-Mitglieder kürzen. Erwarten Sie hier Unterstützung von Angela Merkel?

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