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Deutschland und Polen : Komorowskis Geschichte

Polens Präsident Bronislaw Komorowski am Freitag in der Humboldt-Universität in Berlin Bild: dpa

Der polnische Präsident Komorowski kam am Freitag nach Berlin, um den Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags zu begehen. Seine eigentliche Botschaft aber war: Die Versöhnung mit Deutschland war nur ein Schritt auf dem Weg Polens nach Europa.

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          Inmitten von Mikrofonen, Fahnen und Protokollbeamten ist Bronislaw Komorowski, der Präsident Polens plötzlich ganz persönlich geworden. Er hatte von Versöhnung gesprochen, von der „positiven Schicksalsgemeinschaft“, in der Polen und Deutschland heute verbunden seien, vom Beitrag des polnischen Freiheitskampfes zur deutschen Einheit – und plötzlich war er mitten im Krieg. Komorowski war am Freitag eigentlich nach Berlin gekommen, um den zwanzigsten Jahrestag des deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrags zu begehen, jenes Abkommens, das 1991 den Neuanfang nach Krieg und Diktatur wieder möglich gemacht hatte.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er stand im Auditorium Maximum der Berliner Humboldt-Universität und hielt die prestigeträchtigste Rede, die das deutsche akademische Milieu zu bieten hat – und sprach dann plötzlich nicht mehr über die Zukunft, sondern über einen 16 Jahre alten Jungen: seinen Onkel, der wie er Bronislaw hieß, und der im letzten Kriegsjahr im von Deutschen besetzten Wilna (heute Vilnius in Litauen) als polnischer Untergrundkämpfer auf deutschen Befehl erschossen worden ist.

          Die Erzählung vom jungen Bronislaw, der zu einer Zeit starb, als es so aussah, als könnten die Beziehungen zwischen Deutschen und Polen nie wieder heilen, ist der vielleicht intimste Abschnitt dieser „Berliner Rede“ gewesen. Präsident Komorowski bewahrt bis heute ein Jesus-Bildchen aus dem Besitz des Getöteten; dieser Zeitung hat er einmal gesagt, diese Erinnerung sei in der Überlieferung seiner Familie eine Wunde, die bis heute „nie vernarbt“ sei.

          Bundespräsident Wulff und Komorowski treffen in Berlin mit den Söhnen eines deutsch-polnischen Paars zusammen
          Bundespräsident Wulff und Komorowski treffen in Berlin mit den Söhnen eines deutsch-polnischen Paars zusammen : Bild: dpa

          Aber der Präsident Polens ist bei an diesem Tag in Berlin nicht bei den Schatten der Vergangenheit stehen geblieben. Vor der Rede in der Humboldt-Universität hatte er am Reichstagsgebäude zusammen mit Bundespräsident Wulff das Denkmal für die Solidarno besucht, dessen Aufrichtung er noch vor seiner Präsidentschaft zusammen mit Bundestagspräsident Lammert (CDU) erreicht hatte. Auch hier verbindet sich bei Komorowski persönliches Erleben mit dem übergreifenden Prozess der deutsch-polnischen Versöhnung: Als Mann der Solidarno hatte er in den achtziger Jahren in Haft gesessen.

          Hilfspakete von Deutschen an Polen

          Damals erhielt Komorowskis Familie einige jener unzähligen Hilfspakete, mit denen die Deutschen ihre Anteilnahme am Schicksal der Polen demonstrierten. In jenen Jahren hat die Solidarnosc im Untergrund einen entscheidenden Beitrag zur Neudefinition des deutsch-polnischen Verhältnisses geleistet: Sie verstand, dass die Verteufelung Deutschlands durch das kommunistische Regime eine der wichtigsten Begründungen für die Diktatur in Polen war - und sie hat deshalb im Verhältnis zu Deutschland das Verbindende gesucht.
          Der Besuch beim Denkmal der Solidarnosc am Reichstagsgebäude ist allerdings selbst nur ein Vorspiel gewesen - ein Vorspiel für die eigentliche Botschaft Komorowskis in seiner Berliner Rede.

          Aus Sicht der Solidarnosc nämlich war die Versöhnung mit Deutschland nur ein Schritt zu dem aus polnischer Sicht wichtigeren, größeren Ziel, nämlich zur Integration Polens in Europa. Jan Krzysztof Bielecki, der vor 20 Jahren als Ministerpräsident mit Helmut Kohl den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag unterzeichnete, hat es in einem Zeitungsbeitrag am Freitag so ausgedrückt: „Wir wussten von Anfang an, aus Intuition wie aus kühler Berechnung, dass Polens Weg nach Europa über Deutschland führt. Deswegen hat Polen im Oktober 1990 die deutsche Einheit unterstützt.“

          Europa war das eigentliche Anliegen

          So war auch zwanzig Jahre später, im achten Jahr nach dem Beitritt Polens zur EU, Europa das eigentliche Anliegen des polnischen Präsidenten. Der größte Teil seiner Rede handelte von Europa. Er erinnerte daran, dass heute, da ganz Europa in Zweifeln schwanke, in Polen immer noch 83 Prozent der Bürger an die Zukunft des vereinten Kontinents glaubten. Er erinnerte daran, dass es immer eine Eigenart des polnischen „Romantizismus“ gewesen sei, das scheinbar unmögliche zu glauben, und forderte, trotz Finanzkrise und Erweiterungsmüdigkeit das Werk an dem fortzusetzen, was der polnische Papst Johannes Paul II. einmal die „Heimat Europa“ genannt habe.

          Komorowskis Plädoyer zur Fortsetzung der europäischen Einigung hatte viele Aspekte: Er erwähnte den polnischen Wunsch nach einer fortgesetzten Erweiterung der EU, er verlangte einen neuen Schub in der Gestaltung der internationalen Beziehungen und eine intensivere gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Zuletzt aber hat er noch einmal den Bogen geschlagen, zurück von Europa zu Deutschland und Polen: So wie man damals in Versöhnung investiert habe, und heute die Früchte ernte, müsse es auch heute wieder geschehen - was zwischen Deutschland und Polen möglich war, muss für Europa möglich werden.

          Erika Steinbach kritisiert Polen

          Die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, hat zum 20. Jahrestag des deutsch-polnischen Vertrages beklagt, dass die polnische Regierung gegenüber den deutschen Heimatvertriebenen es an „tröstlichen Gesten“ und am Bedauern über das Unrecht fehlen lasse, das ihnen zugefügt worden sei. Es sei, so schrieb Frau Steinbach in einer Erklärung ihres Verbandes, „längst überfällig, dass auch aus Warschau den Vertriebenen Mitgefühl entgegengebracht wird und die Hände zur Versöhnung ausgestreckt werden“.

          Die Vertriebenen-Präsidenten, die 1943 im pommerschen Rahmel als Tochter eines Luftwaffenangehörigen zur Welt kam, würdigte in ihrer Erklärung aber auch Erfolge der Zusammenarbeit. Insbesondere auf privater Ebene seien „dauerhafte Partnerschaften, ja selbst Freundschaften“ entstanden. Die Vertriebenen hätten in den letzten 20 Jahren, aber auch schon davor, „den Dialog mit den Menschen gesucht, die heute an ihrer Stelle in der Heimat leben“.

          Die landsmannschaftlichen Museen der Heimatvertriebenen in Deutschland arbeiteten inzwischen eng mit polnischen Museen zusammen und hätten teilweise Dependancen in Polen. Auch förderten polnische Kommunen „ganz selbstverständlich das Miteinander von Mensch zu Mensch“. Frau Steinbach, die kürzlich auf einer privaten Polenreise ihren Geburtsort besuchte, fügte hinzu, es sollte ein gemeinsames Anliegen sein, gute Kontakte zwischen der polnischen Regierung und den Vertriebenen zu pflegen, so wie das der Fall sei bei nahezu allen Ländern, aus denen Deutsche nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vertrieben wurden. (pca.)

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