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Deutsche übernehmen Kommando : Der Tod kommt im Corolla

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Neue Aufgaben: Bundeswehrsoldat im Camp Marmal in Masar-i-Scharif Bild: ddp

Für die Bundeswehr wird es mit der Übernahme der Schnellen Eingreiftruppe in Afghanistan gefährlicher. Die deutschen Kommandeure wünschen sich deshalb mehr Soldaten - und weniger Einmischung aus Berlin. Aus dem Einsatzgebiet berichtet Marco Seliger.

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          Das grelle Licht des Halbmonds spiegelt sich im Kundus-Fluss. Durch das Nachtsichtgerät glühen Soldaten und Landschaft grünlich weiß und elektronisch verzerrt. Einige hundert Meter jenseits des gegenüberliegenden Ufers schimmert Licht aus ein paar Häusern, die zu einem Dorf in der nordöstlichen afghanischen Provinz Kundus gehören. Hier siedeln überwiegend Paschtunen, die Volksgruppe, aus der sich die Taliban rekrutieren.

          Das Dorf liegt etwa zehn Kilometer vom Bundeswehr-Feldlager nahe der Stadt Kundus entfernt. Die deutschen Soldaten vermuten im Dorf Aufständische; ein Teil von ihnen sollen Einheimische sein, die anderen aus dem Ausland stammen, aus Pakistan, Tschetschenien, Usbekistan und arabischen Ländern. Die paschtunischen Dörfer bieten ihnen Unterschlupf und Verpflegung. Die Kämpfer kennen das Gelände und überwachen jede Bewegung der Deutschen. Sie haben ihre Späher überall, die Bundeswehr-Soldaten wissen das.

          Deckung suchen im Unterstand

          Es ist eine Art psychologischer Krieg, der hier ausgetragen wird. Im vorigen Herbst beschossen die Aufständischen das Camp des deutschen Wiederaufbauteams regelmäßig nach Einbruch der Dunkelheit mit Raketen. Von dem Moment an, in dem die Soldaten im Camp das Herannahen einer Rakete hörten, hatten sie noch vier Sekunden Zeit, um vor dem Einschlag Deckung zu suchen. Sie flüchteten dann in die besonders gehärteten Stabs- und Unterkunftsgebäude; wer das nicht mehr schaffte, sprang in einen der Gräben am Wegesrand und wartete, den Körper an den Boden gepresst, auf die Detonation. Dann spurtete er zum nächsten Unterstand und harrte dort mitunter bis tief in die Nacht aus, bis es Entwarnung gab.

          Unter neuer Führung: Panzer der Schnellen Eingreiftruppe bei Masra-i-Scharif

          Die meisten Raketen verfehlten ihr Ziel. Doch es gab auch Treffer, in der Truppenküche beispielsweise, wo das Einschlagloch heute noch zu sehen ist. Der regelmäßige Beschuss der Camps zog sich bis zum Beginn dieses Jahres hin, das Wiederaufbauteam kam kaum dazu, seiner eigentlichen Bestimmung nachzukommen. Es war gelähmt - bis im Februar 210 Fallschirmjäger als Verstärkung nach Kundus kamen.

          Die 14-köpfige Patrouille der Eliteinfanteristen aus dem saarländischen Lebach hat sich auf eine lange Nacht eingerichtet. Sie ist mit zwei „Mungos“ und einem „Wolf“, zwei leicht geschützten Transportfahrzeugen, auf gefährlicher Mission. Seitdem die Fallschirmjäger in Kundus sind, hat der Raketenbeschuss nahezu aufgehört. Tag und Nacht streifen die Soldaten durch die Umgebung der Stadt und dringen in Gegenden und Ortschaften vor, in die sich monatelang kein deutscher Soldat mehr gewagt hatte.

          Einsatz in der einstigen Hochburg der Taliban

          In und um Kundus gibt es eine starke paschtunische Minderheit, die Stadt war einst die Hochburg der Taliban in Nordafghanistan. Die militanten Islamisten und ihre ausländischen Söldner wollen dieses für sie strategisch wichtige Gebiet wieder unter ihre Kontrolle bringen. Dabei gehen sie verdeckt und nadelstichartig gegen die einheimischen Sicherheitskräfte oder die Bundeswehr vor. Seitdem sie am Abschuss der Raketen auf das Feldlager gehindert werden, legen sie improvisierte Bomben an den Wegen aus, auf denen sich die afghanische Armee und die deutschen Isaf-Truppen häufig bewegen.

          Sie schicken Selbstmordattentäter, die am Straßenrand warten, bis eine Patrouille der Bundeswehr vorüberfährt, um sich dann gegen eines der Fahrzeuge zu werfen und dabei den Sprengsatz am Körper zu zünden. Im April gab es einen solchen Zwischenfall; die Soldaten auf einem „Mungo“ verdanken ihr Leben dem Patrouillenführer, der die Bedrohung am Straßenrand erkannte und die Geschwindigkeit des Konvois erhöhen ließ. Der Attentäter verschätzte sich und sprang in die Lücke zwischen zwei „Mungos“.

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