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Deutsche übernehmen Kommando : Der Tod kommt im Corolla

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Die Fallschirmjäger am Fluss wissen nicht nur von dieser Begebenheit zu berichten. Sie sind zur Zielscheibe der Militanten geworden, seit die nicht mehr so ungestört ihre Kreise ziehen können wie früher. Die Aufständischen bevorzugen Angriffe aus dem Hinterhalt, Streufeuer, Beschuss mit Panzerabwehrwaffen, schnelles Auftauchen und schnelles Verschwinden. Den deutschen Soldaten erscheinen sie oft wie Geister; selten, dass sie sehen, wer ihnen gegenübersteht.

Bizarre Bündnisse

Das ist in Kundus ohnehin schwer zu sagen, denn im Kampf um die Rückeroberung ihrer einstigen Hochburg gehen die Taliban teils bizarre Bündnisse ein: mit ehemaligen Milizchefs der Nordallianz etwa, die sie einst erbittert bekämpften, jedoch von der Regierung und der internationalen Gemeinschaft enttäuscht sind. Die paschtunischen Taliban zahlen den tadschikischen Milizionären Geld, zehn bis zwanzig Dollar am Tag, wie es heißt, dazu eine Prämie für jeden getöteten westlichen Soldaten.

So sieht sich die Bundeswehr in Nordafghanistan heute einer Vielzahl von Gegnern gegenüber: Taliban, ausländischen Terroristen, Warlords, Drogenbaronen und Schwerkriminellen. Umso erstaunlicher ist es, dass die politische und militärische Führung in Berlin vor kurzem den Abzug eines großen Teils der Infanteristen aus Kundus verfügt hat, obwohl die Kommandeure am Ort vehement davon abgeraten hatten.

Doch das Verteidigungsministerium drückt vor allem die politische Sorge um die Mandatsgrenze von 3500 Soldaten. Weil die Bundeswehr durch die Entsendung der sogenannten Quick Reaction Force (QRF) nach Mazar-i-Sharif die vom Bundestag genehmigte Personalobergrenze zu überschreiten droht, wurde aus Berlin verfügt, in Kundus eine Sicherheitslücke zu reißen, um in Mazar-i-Sharif eine zu stopfen. Das stößt auch im Hauptquartier der Nato-geführten Isaf in Kabul auf Unverständnis. Der Chef des Stabes dort, Generalmajor Hans-Lothar Domröse, sagt, es sei ein „Jammer, wenn wir auf die Fallschirmjäger verzichten müssten“.

Zeit zur Reorganisation für die Taliban

Die Bundesregierung hat vergangene Woche zwar angekündigt, die Zahl der Soldaten in Afghanistan auf bis zu 4500 erhöhen zu wollen. Doch die endgültige Entscheidung fällt der Bundestag erst im Herbst. Bis dahin werden die Taliban die Zeit zur weiteren Reorganisation im Raum Kundus nutzen.

Mittlerweile ist es Mitternacht am Kundus-Fluss. Die Fallschirmjäger besprechen die bevorstehende Streife durch das paschtunische Dorf. Sie scharen sich um ihren Gruppenführer, einen Hauptfeldwebel Mitte dreißig. „Nichts Wildes, wie sonst auch“, sagt er leise. „Im Falle eines Hinterhalts brechen wir durch, im Falle einer Ansprengung setzen wir je nach Position des getroffenen Fahrzeugs vor oder zurück.“ Die Männer um ihn herum nicken und steigen dann, die Splitterschutzweste am Leib und die Nachtsichtbrille vor den Augen, in die Wagen. Jeder hat seinen festen Platz, jeder weiß, was er zu tun hat. Und jeder kennt die Gefahr, in die er sich begibt.

Wenig später meldet sich über Funk die Operationszentrale im Feldlager. Die Patrouille stoppt, die Gruppenführer auf den Fahrzeugen informieren die Besatzung: „Alle herhören! VBIED in unserem Einsatzraum, weißer Toyota Corolla!“ Die Soldaten nehmen die Nachricht stoisch zur Kenntnis. Doch jeder von ihnen weiß, was die Meldung bedeutet: VBIED - „Vehicle Borne Improvised Explosive Device“. Ein Selbstmörder ist unterwegs in einem Auto, das, beladen mit Sprengstoff, ein Anschlagsziel sucht. Schon kommt vom „Mungo“ am Ende der Patrouille die Meldung, dass sich ein Fahrzeug nähert. Zwei Fallschirmjäger sitzen ab und spurten dem Wagen entgegen. Aus der Entfernung ist zu erkennen, dass es sich um ein weißes Fahrzeug handelt, wohl ein Corolla, der wird hier tausendfach gefahren.

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