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Deutsche in Shikoku : Wie die Neunte nach Japan kam

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Wichtigste Pilgerwege

Wahrscheinlich ist es auch Lagerleiter Matsue zu verdanken, dass nach dem Kriegsende die Beschränkungen gelockert wurden und einige deutsche Gefangene sich auch außerhalb des Lagers bewegen durften. Es gab Wander- und Badeausflüge. Zu sportlichen Wettkämpfen im Lager durften auch japanische Zuschauer kommen. Dadurch entspann sich ein vorsichtiger Kontakt mit der örtlichen Bevölkerung, die von den Deutschen und ihren handwerklichen Künsten beeindruckt - und von ihrem Aussehen belustigt waren. Man nannte sie "doistu-san", "Herr Deutscher". Aber Shikoku war immer bekannt für seine Gastfreundlichkeit. Durch die Insel verläuft einer der wichtigsten Pilgerwege Japans über 88 Tempel. Die Pilger wurden stets gastfreundlich aufgenommen. Vielleicht zeigten sich die japanischen Nachbarn auch deshalb relativ unkompliziert im Umgang mit den Deutschen, meint Günther.

Lagerkommandant Matsue ordnete auch an, dass die Japaner von den Deutschen lernen sollten. So ist noch heute in einem Park nahe dem Ryozennji-Tempel eine Steinbrücke zu besichtigen, die von den deutschen Gefangenen gebaut wurde - als Demonstration deutscher Baukunst für Japaner, die nur Holzbrücken kannten. Auf Shikoku gab es damals nur Holzbrücken. Zu einer Ausstellung im Tempel Ryozennji über deutsche Kultur und handwerkliche Produkte des deutschen Lagers kamen 50.000 Besucher. Die Gefangenenbäckerei unterrichtete in deutscher Backkunst. "Der Japaner Fujita hat in der Brotbäckerei gearbeitet", steht in dem Zeugnis, das in der Ausstellung des Deutschen Hauses zu sehen ist. Im Zentrum von Tokushima gibt es noch heute eine kleine "Deutsche Bäckerei". Bäcker Tsunemitsu Oka erzählt, dass sein Großvater bei jenem Fujita das Backen lernte. Die Familie besitzt noch ein Rezeptbuch mit den ursprünglichen Rezepten von Fujita, darunter eines für Hefegebäck.

Der Siegeszug der klassischen Musik

Das Lager Bando erlangte in Japan so viel Bekanntheit, dass im Jahr 2006 der japanische Regisseur Masanobu Deme einen aufwendigen Film darüber drehte. Der Film rückte die Aufführung der Neunten in den Mittelpunkt der Geschichte. Der Film "Ode an die Freude", auf Japanisch "Paradies der Bärte", war bei der älteren Generation in Japan ein großer Erfolg. Er bestärkte das romantische Bild von Deutschland als Land der Musik und der Klassik. Und er zeigte - anders als die vielen Filme über den Zweiten Weltkrieg, als Japan Deutschlands Verbündeter war - das kriegführende Japan von einer guten Seite. Den Historikern im Deutschen Haus ist der Film "zu melodramatisch" geraten. Dass die Aufführung der Neunten im Lager wirklich wie im Film der große Erfolg war, sei zu bezweifeln. In der Lagerzeitschrift "Die Baracke" werde nur die Tatsache der Aufführung verzeichnet, aber es finde sich keine Würdigung der Aufführung wie bei anderen Konzerten im Lager. Vielleicht haben die Orchester der Gefangenen aber wirklich zum Siegeszug der westlichen klassischen Musik in Japan beigetragen.

Die letzten Gefangenen verließen erst Anfang 1920 das Lager. An die 60 Häftlinge ließen sich in Japan nieder. Noch immer kommen Nachfahren der Gefangenen ins Deutsche Haus. An jedem ersten Juni-Sonntag wird dort Beethovens Neunte gespielt. Chöre aus ganz Japan kommen dann. Die Schlusstakte der Ode an die Freude erschallen alle halbe Stunde durch die Ausstellungshallen des Deutschen Hauses. Am Donnerstag kommt der Bundespräsident. Als Souvenir könnte auch er sich eine Flasche Mosel-Wein kaufen. "Neunte Symphonie" steht auf dem Etikett.

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