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Deutsche in Shikoku : Wie die Neunte nach Japan kam

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Harue Takahashi, die in der Umgebung des Lagers wohnte, entdeckte den Stein mit der ausländischen Inschrift, hielt ihn für ein Grabmal und pflegte es, wie sie auch die Gräber ihrer Familie pflegte. Im Jahr 1960 verbreitete sich die Kunde von Frau Takahashis Freundschaftsdienst über die lokale Presse. Sowohl Japaner als auch Deutsche erinnerten sich wieder des Lagers. Ehemalige Gefangene aus Deutschland und deren Nachfahren meldeten sich, berichtet der Leiter des Deutschen Hauses, Herr Kawakami. Frau Takahashi wurde im Jahr 1964 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Materialien und Erinnerungsstücke wurden in Japan und Deutschland zusammengetragen. Fotos und Skizzen, Briefe und Lagernachrichten sammelten sich; ein erstes Deutsches Haus stellte sie 1972 aus. Die Stadt Naruto knüpfte neue Kontakte mit Deutschland. Eine Partnerschaft mit Lüneburg wurde begonnen. Das jetzige Deutsche Haus ist nach dem Modell des Lüneburger Rathauses gebaut.

Dauernde „Lärmbelästigung“

Vor allem die ausführlichen, mal nachdenklichen, mal humorvollen Artikel der Lagerzeitung "Die Baracke" zeichnen ein detailliertes Bild des Lagerlebens. "Bando war eine deutsche Kleinstadt", sagt Kawakami, "nur ohne Frauen." Dass die Deutschen und einige wenige Gefangene anderer Nationalität ihr Leben hinter dem Stacheldraht selbst organisieren konnten, war vor allem dem japanischen Lagerleiter Toyohisa Matsue zu verdanken. "Matsue war ein Berufssoldat und das, was wir als ernsten und aufrichtigen Samurai bezeichnen", sagt sein Biograph Ichiro Tamura. Matsue glaubte, dass die Sieger eine besondere Verpflichtung zur Fürsorge über die Besiegten hatten. Obwohl seine Vorgesetzten eine strenge Behandlung der Kriegsgefangenen verlangten, legte er die Vorschriften großzügig aus. Die Gefangenen mussten nur morgens zum Appell antreten, sonst gab es für sie keine Verpflichtungen und keine Zwangsarbeit, sagt Kawakami. Matsue sprach etwas Deutsch, interessierte sich für klassische Musik und westliches Essen. "Auch Bando hatte Probleme, die Gefangenen litten unter dem Mangel an Privatsphäre und an Heimweh. Aber in anderen Lagern gab es damals viel mehr Spannungen", sagt der Historiker Günther.

Das Lager bestand aus acht Mannschafts- und zwei Offiziersbaracken. Es gab diverse Küchen, eine Schlachterei, eine kleine Ladenstraße mit Geschäften, eine Schreinerei, eine Konditorei, sogar eine Kegelbahn. Die Gefangenen bauten eine Lagerdruckerei, ein chemisches Labor und eine Warmbadeanstalt. Außerhalb des Lagerzauns mit Stacheldraht stand ihnen ein kleines Stück Land für Gemüse und Hühnerzucht zur Verfügung. Etwas erhöht und abseits von den Baracken, hatten sich einige Offiziere kleine Holzhütten gebaut, die im Lagerplan als "Villenviertel" ausgewiesen sind. Für die achtzig japanischen Bewacher gab es ein Verwaltungsgebäude, in dem sich auch das Zensurbüro befand.

Die Langeweile wurde mit Sport- und Kulturveranstaltungen bekämpft. Im April 1918 etwa sind in der Lagerzeitung eine Aufführung von Kleists "Zerbrochenem Krug", ein Vortrag über Europa in der Tertiärzeit, ein chinesischer Abend und ein Vortrag über deutsche Geschichte und Kunst verzeichnet. Auch Informationen über den Kriegsverlauf wurden bekanntgegeben. Aufmerksamer aber wurden die Aktivitäten der drei verschiedenen Kapellen beobachtet, die sich gegenseitig die Musiker abspenstig machten und mit zum Teil selbstgebauten Instrumenten auch schwierige Stücke angingen. Weil auf dem engen Raum ständig irgendwo musiziert und geübt wurde, gab es auch Beschwerden über diese dauernde "Lärmbelästigung" von Seiten derer, die keine Musikliebhaber waren.

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