https://www.faz.net/-gpf-we95

Deutsch-französisches Verhältnis : Terrorisé à Berlin

Bild: F.A.Z.-Greser&Lenz

Sarkozy hat die deutsch-französische Freundschaft „sacrée“ genannt. Doch ist ihm wirklich daran gelegen, ein gutes Verhältnis mit der Kanzlerin aufzubauen? In Berlin ist man ernüchtert. Und in Hannover treffen sich die beiden an diesem Montagabend zum Meinungsaustausch.

          5 Min.

          Non, der französische Präsident denkt morgens beim Rasieren nicht an Deutschland. Nicolas Sarkozy hat derzeit andere Sorgen: die angekündigte Abstrafung seiner Parteigänger bei den Kommunalwahlen, die schlechten wirtschaftlichen Aussichten, seinen Sturzflug in den Umfragen - die Liste ist lang. Sarkozy ist darüber ungehalten und nervös, und deshalb schiebt er alles von sich weg, was weiteres Konfliktpotential verspricht: das deutsch-französische Verhältnis zum Beispiel.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Sarkozy hat gleich zweimal hintereinander hochrangige bilaterale Treffen absagen lassen, erst das Gespräch in Straubing mit Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier; dann den Termin zwischen seiner Wirtschaftsministerin Christine Lagarde und Peer Steinbrück, zu dem auch die Zentralbankdirektoren beider Länder geladen waren. Natürlich schwört man in Paris, dass alles nur am übervollen Terminkalender des hyperaktiven Präsidenten liegt. Aber natürlich ist auch in Paris niemandem entgangen, dass in Berlin die Begeisterung über den neuen Mann im Elysée-Palast der Ernüchterung gewichen ist.

          Deutsch-französische Freundschaft ist „Sacrée“

          Anders als seine Vorgänger, die alle erst von der Notwendigkeit einer engen deutsch-französischen Abstimmung überzeugt werden mussten, hatte Sarkozy nach seiner Wahl den Eindruck vermittelt, schon alles verstanden zu haben. Anders als Jacques Chirac, als François Mitterrand oder Valéry Giscard d'Estaing flog er noch am Tag seiner Amtseinführung nach Berlin, um „chère Angela“ seine Aufwartung zu machen. Nie hätten sich Giscard oder Mitterrand, noch ganz im Selbstverständnis der Siegermacht, dazu herabgelassen, sich in Bonn eine Art Absegnung zu holen. Auch Chirac, der es schon mit dem wiedervereinigten Deutschland zu tun hatte, ließ noch Helmut Kohl zu sich kommen. Sarkozy aber reiste nach Berlin und klopfte so freundschaftlich auf der Schulter der den physischen Kontakt eigentlich scheuenden Kanzlerin herum, dass diese ihn gewähren ließ.

          Am Tag seiner Amtseinführung flog Sarkozy nach Berlin, um Merkel seine Aufwartung zu machen

          „Sacrée“, „heilig“ nannte Sarkozy die deutsch-französische Freundschaft an jenem Tag. Da konnte die Bundeskanzlerin ihm auch sein eigenartiges Gehabe in Heiligendamm verzeihen, als er sich durch eine Pressekonferenz mit Wladimir Putin kicherte und die Première Dame Cécilia Sarkozy vorzeitig abreiste. Wer sollte es auch einem Franzosen übelnehmen, unter den Zicken seiner Frau zu leiden? In Brüssel, beim Gipfeltreffen zum EU-Reformvertrag, telefonierte Sarkozy den Zwillingsbruder des polnischen Präsidenten zur Vernunft; das hatte die Bundeskanzlerin nicht gewollt und wohl auch nicht vermocht. Aus dem Minivertrag des Wahlkämpfers Sarkozy wurde schließlich der Reformvertrag, der in Lissabon unterzeichnet wurde. Die Bundeskanzlerin gestand Sarkozy sogar noch zu, dem französischen Nationalsymbol gemäß wie ein Gockel durch ganz Europa zu krähen, das alles sei sein Werk.

          Französische Politiker haben Deutschland als Kulturnation gewürdigt

          Auf Sarkozys Blitzstart als Macher folgte eine Serie von Peinlichkeiten und Pannen, die alle die Frage aufwerfen: Ist dem französischen Präsidenten wirklich daran gelegen, ein langfristiges Vertrauensverhältnis mit der Bundeskanzlerin aufzubauen, im Namen des europäischen Einigungsprozesses? Vom früheren Außenminister Hubert Védrine, der seinen deutschen Gegenpart Joschka Fischer mal als „Flötenspieler“ bezeichnet hatte, stammt die Formulierung, dass ein deutsch-französischer Kompromiss für die erweiterte EU nicht mehr ausreichend, aber immer noch notwendig sei. Sarkozy benimmt sich kurz vor der französischen EU-Ratspräsidentschaft so, als gelte Védrines Rat nicht für ihn. Sarkozy hatte sich übrigens vergeblich darum bemüht, Védrine als Außenminister für seine Regierung der „politischen Öffnung“ zu gewinnen.

          Chirac, Mitterrand und Giscard, alle drei Amtsvorgänger Sarkozys, waren von dem Anspruch der französischen Oberschicht geprägt, Deutschland als Kulturnation zu würdigen, deutsche Literatur, Musik und Philosophie zu kennen und (vielleicht) zu schätzen. Für Charles de Gaulle und Georges Pompidou, um bis zu den Anfängen der V. Republik zurückzugehen, galt das genauso. Das half ihnen, nach der meist reibungsreichen Eingewöhnungsphase eine funktionierende Arbeitsbeziehung aufzubauen. Auch wenn die Bedeutung des Deutschen als Selektionsmerkmal für die französische Elite zurückgeht, herrscht in Frankreich weiter die Auffassung vor, dass Deutsch als erste Fremdsprache nur für die besten Schüler in Frage kommt.

          Weitere Themen

          Kenia für Potsdam Video-Seite öffnen

          Dietmar Woidke wiedergewählt : Kenia für Potsdam

          Unter Führung von Ministerpräsident Dietmar Woidke regiert in Brandenburg nach zehn Jahren rot-roter Koalition ein Regierungsbündnis aus SPD, CDU und Grünen. Unter den zehn Ministern befinden sich vier Männer und sechs Frauen.

          Maas macht mobil

          „Hirntod“ der Nato? : Maas macht mobil

          Der deutsche Außenminister versucht Emmanuel Macron den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bei der Nato ist der Ärger über den französischen Präsidenten groß.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.