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Französische Corona-Patienten : Wenn Städtepartnerschaften Leben retten

Ein Covid-19-Patient aus Frankreich verlässt das Universitätsklinikum Essen, um mit einem Hubschrauber in seine Heimat zu fliegen. Bild: EPA

Kassel hat sechs Covid-19-Patienten aus seiner französischen Partnerstadt Mülhausen ins örtliche Krankenhaus aufgenommen. Auch andere Partnerstädte zeigen große Hilfsbereitschaft. Ein neuer Bürgerfonds soll die Zusammenarbeit fördern.

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          Das Lehrerkollegium in Straßburg hat einen Dankesbrief geschrieben, nachdem ihr an Covid-19 erkrankter Lehrerkollege nach zwei Wochen Intensivbehandlung in Deutschland mit einem Blumenstrauß aus der Klinik entlassen wurde: „Wir sind den Heilskräften der Stadt Trier tief dankbar“. Der Dank an die Pflegekräfte wurde durch die Übersetzung doppeldeutig. Die in französischer Sprache formulierte Antwort der Stadt Trier machte den entlassenen Franzosen zu einem „befreiten“ Patienten und zeigte auf ein Neues, wie bereichernd der gegenseitige Austausch auch sprachlich sein kann.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Beispiele wie diese gibt es im deutsch-französischen Verhältnis derzeit viele. Die Hilfsbereitschaft in Trier ist längst kein Einzelfall und wird oftmals von gewachsenen Städtepartnerschaften getragen. So hat die Stadt Kassel sechs Covid-19-Patienten aus ihrer schwer getroffenen Partnerstadt Mülhausen aus dem Elsass ins örtliche Krankenhaus aufgenommen. Die Verbindung zwischen den beiden Städten ist fast so alt wie der erste, im Elysée-Palast unterzeichnete Freundschaftsvertrag und reicht in das Jahr 1965 zurück.

          Deutsch-französische Online-Dinner

          Die SHG Klinik in Völklingen hat ihrer Partnerstadt Forbach ebenfalls in der Not geholfen und 22 schwer Erkrankte aus Lothringen behandelt. „Städtepartnerschaften können Leben retten“, sagt der Generalsekretär des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), Tobias Bütow. Die Netzwerke auf kommunaler Ebene, die Frankreich und Deutschland miteinander verbinden, werden künftig verstärkt finanziell gefördert. Das ist die Idee hinter dem neuen Bürgerfonds, der trotz der vorübergehenden Schließung der Grenze zu Frankreich lanciert wurde.

          „Jetzt erst recht“, heißt es auf der Internetseite der Fördereinrichtung, die mit 2,4 Millionen Euro dotiert ist. Jedes Land steuert jeweils 1,2 Millionen Euro bei. Fortan werden Projekte gefördert, die zur gegenseitigen Verständigung beitragen, ob Orchesterreisen oder gemeinsame Lesungen, Theaterkurse, Kunstprojekte oder kulinarische Angebote. Der Bürgerfonds richtet sich an Erwachsene, die bislang nicht von den für Schüler, Studenten und Lehrlingen aufgelegten Förderprogrammen profitieren konnten.

          Auch wenn Reisen durch die Grenzschließung nicht möglich sind, hat der vom DFJW verwaltete Fonds seine Arbeit aufgenommen. „Inmitten dieser Krise ist der Bürgerfonds ein wichtiges proeuropäisches Signal an die deutsche und die französische Gesellschaft“, sagt Bütow im Gespräch mit dieser Zeitung. So haben sich die ersten Interessenten schon um die Teilnahme an deutsch-französischen Online-Dinners beworben: Speisen und Wein werden zwar nicht an einem Tisch geteilt, aber auch vor dem Computer könne ein angeregter Austausch entstehen, so die Hoffnung.

          Die Corona-Krise sei schließlich eine gesamteuropäische Erfahrung, die unterschiedlich erlebt werde und manchmal Vorurteile befördere. „Wir wollen Bürger in der Isolationssituation unterstützen“, sagt Bütow. Der Bürgerfonds zählt zu den Projekten, die bei der Unterzeichnung des Aachener Vertrags im Januar 2019 beschlossen wurden. Im Rathaussaal ahnte damals niemand, dass sich die Bundesregierung dazu entschließen könnte, die meisten Grenzübergänge nach Frankreich wochenlang abzuriegeln, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

          „Die Idee für den Bürgerfonds geht auf Wünsche zurück, die aus der Zivilgesellschaft an die Regierungen herangetragen wurden“, sagt Bütow. Viele Städtepartnerschaften seien in die Jahre gekommen, für ehrgeizige Projekte, die neue Mitglieder anlockten, fehle oftmals das Geld. Auch die sprachliche Hürde halte viele davon ab, sich stärker für das Nachbarland zu interessieren. Deshalb will der Bürgerfonds pragmatisch vorgehen. „Die Sprachkenntnis darf kein Ausschlusskriterium sein. Gleichwohl legen wir ein besonderes Augenmerk auf Projekte, bei denen ein Mindestmaß an Vorkenntnissen in der Nachbarsprache vorhanden ist“, sagt Bütow.

          Sinkt der Anreiz Deutsch zu lernen?

          Er strebt eine möglichst unbürokratische Antragsbearbeitung an, zugleich müssten aber auch die rechtlichen Anforderungen zur Mittelvergabe in beiden Ländern respektiert werden. Eine Woche nach dem offiziellen Beginn liegen schon erste Anfragen vor etwa zu einer Veranstaltung über Buchkunst in Deutschland und Frankreich und zu einer deutsch-französischen Begegnung von Frauen, die zu Gewaltopfern wurden.

          In der Corona-Krise bietet der Bürgerfonds auch die Finanzierung von digitalen Weiterbildungskursen an, die ehrenamtlichen Kräften der Partnerschaftskomitees zugutekommen können. Auch Online-Sprachförderung hält Bütow für die Zeit der Kontaktsperren eine gute Idee. Es sei entscheidend, dass beide Länder den Erwerb der Nachbarsprache weiter förderten. Aus Frankreich ist mitten in der Pandemie ein widersprüchliches Signal gesendet worden: So hat das Bildungsministerium trotz Protesten von Hochschulverbänden und Lokalpolitikern im Elsass und in Lothringen im Amtsblatt eine Änderung veröffentlicht, die ein Sprachzertifikat in Englisch für alle Bachelor-Absolventen verpflichtend macht. Kritiker befürchten, dass damit die deutsche Sprache verdrängt wird und der Anreiz sinkt, in der Schule Deutsch zu lernen.

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