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Konflikt in Nagornyj Karabach : Bald abgeschnitten von der Außenwelt?

Ein armenischer Soldat in einem Unterschlupf an der Front in Stepanakert Bild: dpa

Aserbaidschan meldet im Krieg Erfolge an Stellen, an denen die armenische Seite verwundbar ist. Der Zivilbevölkerung in Nagornyj Karabach droht eine Katastrophe.

          3 Min.

          Jeden Tag verkündet Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew auf Twitter neue Triumphe: Er zählt die Namen der Orte auf, welche seine „ruhmreiche Armee“ im Krieg um Nagornyj Karabach erobert habe. Etwas mehr als hundert Siedlungen haben die aserbaidschanischen Streitkräfte seit Beginn der Kämpfe vor dreieinhalb Wochen laut seiner Darstellung eingenommen. Solche Erfolgsmeldungen sind mit Vorsicht zu genießen – sie sind Teil der Kriegspropaganda. Viele der vom Regime in Baku behaupteten Erfolge werden von Armenien bestritten; überprüfbar sind die Behauptungen beider Seiten nicht. Anhaltspunkte für die Lage auf dem Schlachtfeld können jedoch Bilder und Videos geben, die vom aserbaidschanischen Verteidigungsministerium veröffentlicht werden. Durch ihren Abgleich mit anderen Fotos und Satellitenaufnahmen sind Kenner der Region und Militärfachleute zu dem Schluss gekommen, dass Aserbaidschan tatsächlich bedeutende Geländegewinne erzielen konnte.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Bisher liegen sie überwiegend außerhalb von Nagornyj Karabach in jenen sieben Bezirken Aserbaidschans, die seit dem Krieg in den neunziger Jahren unter armenischer Kontrolle standen, nachdem die aserbaidschanische Bevölkerung daraus vertrieben worden war. Sie dienten den Armeniern, die ihren stellenweisen Rückzug indirekt bestätigt haben, seither als militärische Pufferzone. Am weitesten vorgedrungen ist das aserbaidschanische Militär in den Gebieten, die im Süden zwischen Karabach und Iran liegen. Dort ist das Gelände relativ flach; an den meisten anderen Abschnitten der Front begünstigt das gebirgige Terrain die Verteidiger.

          Kein baldiger Frieden in Sicht

          Je weiter die aserbaidschanischen Truppen vorrücken, desto geringer werden die Aussichten auf ein baldiges Ende der Kämpfe. Die internationalen Bemühungen um einen Waffenstillstand gehen zwar weiter: An diesem Freitag werden die Außenminister Armeniens und Aserbaidschans in Washington erwartet, und sowohl Alijew als auch der armenische Ministerpräsident Nikol Paschinjan haben ihre Bereitschaft zu einem Treffen bekundet. Doch hat Alijew in einem Interview mit der japanischen Zeitung „Nikkei“ am Mittwoch Gespräche zum jetzigen Zeitpunkt als „sinnlos“ bezeichnet. Verhandelt werde könne, wenn der Rückzug aller armenischen Truppen von aserbaidschanischem Gebiet angekündigt worden sei. Mit anderen Worten: Alijew will nur über Kapitulationsbedingungen reden. Und auch Paschinjan hat am Mittwoch geäußert, derzeit sei eine diplomatische Lösung unmöglich: „Alles, was für die Armenier diplomatisch annehmbar ist, ist es für die Aserbaidschaner nicht mehr.“ Er rief dazu auf, in allen Städten des Landes Freiwilligenverbände zu bilden und sie dem Generalstab zu unterstellen.

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          Dieser Aufruf ist ein Indiz dafür, wie ernst die Lage aus armenischer Sicht ist. Der Vormarsch der aserbaidschanischen Streitkräfte im Süden bedroht die einzige reguläre Straßenverbindung von Nagornyj Karabach nach Armenien durch den sogenannten Latschin-Korridor. Es handelt sich dabei um ein nur wenige Kilometer breites, tief eingeschnittenes und nach Süden offenes Tal, das bis zum Krieg in den neunziger Jahren von Aserbaidschanern bewohnt war.

          Gelänge es Aserbaidschans Streitkräften, die mit viel Geld aus der armenischen Diaspora gut ausgebaute Gebirgsstraße unbenutzbar zu machen oder gar einzunehmen, wäre Nagornyj Karabach von der Außenwelt faktisch abgeschnitten. Für Versorgungslieferungen nach und Flüchtlinge aus Karabach bliebe dann nur noch das unwegsame Gebirge im nördlich gelegenen Bezirk Kelbadschar übrig, der ebenfalls zwischen Armenien und Aserbaidschan liegt. Die Lage der Zivilbevölkerung in Nagornyj Karabach droht im bevorstehenden Winter ohnehin katastrophal zu werden. Aus dem Gebiet wird schon jetzt ein starker Anstieg der Zahl der Corona-Infektionen gemeldet. Das könnte eine indirekte Folge des Beschusses der Stadt Stepanakert sein: Die Menschen harren aus Furcht davor unter beengten Verhältnissen in Kellern aus.

          Bedroht ist freilich auch die Zivilbevölkerung auf der anderen Seite der Front. In ihrer unmittelbaren Nähe leben auf aserbaidschanischer Seite etwa 300.000 Menschen, darunter viele Flüchtlinge aus dem Krieg der neunziger Jahre. Gandscha, mit etwa 320.000 Einwohnern Aserbaidschans zweitgrößte Stadt, ist bereits zweimal beschossen worden. Am Donnerstag meldete Aserbaidschan einen – von armenischer Seite bestrittenen – Raketenangriff, der einer Wasserleitung gegolten haben soll, von der ein großer Teil der Trinkwasserversorgung des Großraums um die Hauptstadt Baku abhängt. Die Raketen seien allerdings abgefangen worden. Innerhalb der mutmaßlichen Reichweite armenischer Raketen sind auch die Öl- und Gaspipelines, die aus Aserbaidschan über Georgien in die Türkei führen. Der Rohstoffexport ist die wichtigste Einnahmequelle Aserbaidschans.

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