https://www.faz.net/-gpf-a5cls

Missbrauch in der Kirche : Ein Bericht mit eingebauter Absolution

Theodore McCarrick im März 2015 in Indiana Bild: AP

Der Vatikan hat die Untaten des früheren Kardinals McCarrick untersucht. Die Schuld für Versäumnisse bei der Aufklärung lägen beim früheren Papst Johannes Paul II. Papst Franziskus habe entschlossen gehandelt, heißt es aus Rom.

          5 Min.

          Schon über den Zeitpunkt der Veröffentlichung des „McCarrick-Reports“ gab es unterschiedliche Urteile: Sollte der ausgerechnet in der Woche nach der turbulenten Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten und kurz vor der Herbstversammlung der amerikanischen Bischofskonferenz am 16. und 17. November vorgestellte Bericht dadurch eher hohe oder möglichst geringe Aufmerksamkeit erfahren? In der am Dienstag veröffentlichten, rund 450 Seiten umfassenden Untersuchung des Vatikans geht es um Leben und Wirken, um Aufstieg und Fall des heute 90 Jahre alten Theodore McCarrick – und vor allem darum, wer wann von dessen ungezählten Untaten wusste.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Der von Papst Franziskus im Februar 2019 in den Laienstand entlassene einstige Kirchenmann war von 2001 bis 2006 Erzbischof von Washington. Der Posten, der in der katholischen Kirche Amerikas sowie im politisch-gesellschaftlichen Leben der amerikanischen Hauptstadt von großer Bedeutung ist, bringt routinemäßig die Erhebung durch den Papst in den Kardinalsstand mit sich. Kurzum: Höher als McCarrick kann man in der katholischen Kirche der Vereinigten Staaten nicht aufsteigen. Und tiefer als McCarrick kann man nicht fallen.

          An Messdiener vergangen

          Offiziell lautet der Titel der Untersuchung „Bericht über die institutionelle Kenntnis des Heiligen Stuhls und seine Entscheidungsfindungen im Zusammenhang mit dem früheren Kardinal Theodore McCarrick (von 1930 bis 2017)“. Es geht mithin um einen Zeitraum von fast neun Jahrzehnten. Von der Geburt McCarricks in New York City über dessen Aufstieg vom Priester in New York zum Bischof in New Jersey und zum Erzbischof in Washington bis zu den ersten ernsthaften Ermittlungen in dessen Heimat-Erzbistum zum Vorwurf sexuellen Missbrauchs.

          Im Mai beschrieb Daniel Deckers, wie Pädophile im Schutz von Johannes Paul II. ihr verbrecherisches Unwesen treiben konnten. Seinen Essay lesen Sie hier.

          Die Untersuchung unter Leitung des amtierenden New Yorker Erzbischofs Timothy Dolan kam Anfang 2018 zu dem Ergebnis, dass die Beschuldigungen des Opfers „glaubhaft und begründet“ seien. Demnach hatte sich McCarrick in der Sakristei der St. Patrick's Cathedral von New York 1971 mehrfach an einem damals 16 Jahre alten Messdiener vergangen, dem er das Messgewand anzupassen vorgab. Das Ergebnis der Untersuchung wurde an den Heiligen Stuhl übermittelt, und im Juni 2018 drängte Papst Franziskus McCarrick zunächst zum Rücktritt aus dem Kardinalskollegium und suspendierte ihn kurz darauf vom Priesteramt.

          Es folgten weitere Enthüllungen von Vorfällen in den Diözesen New York und Metuchen in New Jersey, wo McCarrick in den siebziger und achtziger Jahren tätig war. Es entstand vor den Augen der Öffentlichkeit das Bild eines Geistlichen, der seine wachsende Macht systematisch zur sexuellen Ausbeutung von Seminaristen und Priesteranwärtern ausnutzte. Seine Opfer waren meist nicht mehr minderjährig, aber sie waren ihm untergeben. McCarrick pflegte sich selbst „Uncle Ted“ zu nennen. Von der Diözese Metuchen ließ er sich zwei Strandhäuser kaufen, wohin der umgängliche „Onkel“ regelmäßig seine „Neffen“ aus den Priesterseminaren zur Sommerfrische oder bei anderen Anlässen zum Übernachten einlud. Und dort missbrauchte.

          Ein elf Seiten langer Brandbrief

          Von 2004 bis 2006, während McCarrick in Washington als Erzbischof und Kardinal auf der Höhe seiner Macht war, zahlten Diözesen in New Jersey Entschädigungen von bis zu 100.000 Dollar an zwei Opfer von „Uncle Ted“, die diesen außergerichtlich zugestanden worden waren. Geld schien für McCarrick nie ein Problem zu sein. Der in Kirche, Politik und Gesellschaft bestens vernetzte Erzbischof und Kardinal fand allenthalben Gönner. Hat sich der reiche Onkel Ted aus Amerika mit den großzügigen Spenden an ranghohe Kurienmitarbeiter im Vatikan dort Wohlwollen und Wegschauen erkauft?

          Ein elf Seiten langer offener Brandbrief vom August 2018 von Erzbischof Carlo Maria Viganò, der von 2011 bis 2016 Nuntius in Washington war, brachte die Causa McCarrick im Vatikan ins Rollen. In dem Schreiben warf Viganò rund zwanzig Bischöfen in Amerika und Kardinälen beim Heiligen Stuhl vor, von den Untaten McCarricks gewusst und diesen jahrzehntelang gedeckt zu haben. Als wichtigste Mitwisser im Vatikan nannte Viganò die Kardinalstaatssekretäre Angelo Sodano (1991 bis 2006), Tarcisio Bertone (2006 bis 2013) und den gegenwärtigen Amtsinhaber Pietro Parolin.

          Vor allem aber beschuldigte Viganò Papst Franziskus, die von dessen Amtsvorgänger Benedikt XVI. in aller Stille gegen McCarrick verhängten Sanktionen faktisch wieder aufgehoben zu haben. Franziskus habe nämlich McCarricks diplomatisches Geschick bei der von ihm angestrebten diplomatischen Annäherung an Havanna und Peking nutzen wollen.

          Verpassen Sie keinen Moment

          Sichern Sie sich F+ 3 Monate lang für 1 Euro je Woche und lesen Sie alle Artikel auf FAZ.NET.

          JETZT F+ LESEN

          Viganò verstieg sich zu der Forderung, der Papst müsse wegen des McCarrick-Skandals zurücktreten. Was der Papst naturgemäß ignorierte. In dem jetzt veröffentlichten Untersuchungsbericht heißt es über Viganò, er habe zwar einerseits auf Maßnahmen gegen McCarrick gedrängt, andererseits habe er selbst aber Untersuchungsaufträge des Vatikans nicht konsequent ausgeführt.    

          Im Herbst 2018 beauftragte Franziskus Kardinalstaatssekretär Parolin mit der eingehenden Untersuchung der Causa McCarrick. Die Veröffentlichung des Ergebnisses wurde immer wieder angekündigt – und immer wieder verschoben. Im Februar dieses Jahres ließ Parolin wissen, der Bericht sei abgeschlossen und liege nun beim Papst.

          „Versäumnisse und Unterbewertungen“

          Was hat Franziskus in dieser Zeit mit dem Bericht gemacht? Hat er nur den rechten Augenblick der Veröffentlichung abgewartet oder hat er den Text „geglättet“ oder gekürzt? Zumal in Amerika hat das Kirchenvolk ein Zeugnis umfassender Transparenz ersehnt, obschon das Staatssekretariat als Auftraggeber und Herausgeber des Berichts doch zugleich prominent auf der „Anklagebank“ saß.

          Als Quintessenz der Untersuchung beschrieb Vatikan-Kommunikationschef Andrea Tornielli am Dienstag, dass der Heilige Stuhl „bei der Ernennung von Theodore McCarrick zum Erzbischof von Washington im Jahre 2000 … auf der Basis von unvollständigen Teilinformationen“ gehandelt habe. Leider sei es „dabei zu Versäumnissen und Unterbewertungen“ gekommen, es seien Entscheidungen getroffen worden, „die sich später als falsch herausstellten“. Damit wird die Hauptschuld dem damaligen (und inzwischen heiliggesprochenen) Papst Johannes Paul II. sowie dessen Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano zugeschoben. Tornielli beklagt zudem, dass die im Verlauf des Ernennungsverfahrens vom Heiligen Stuhl damals „befragten Personen nicht immer alles erzählten, was sie wussten“.

          Die Hauptversäumnisse geschahen also, so fasst Tornielli den Bericht zusammen, vor zwei Jahrzehnten. Und den schwersten Fehler beging Johannes Paul II., der sich gemeinsam mit seinem polnischen Privatsekretär, Bischof Stanislaw Dziwisz, von McCarrick hinters Licht habe führen lassen: In einem persönlichen Brief vom 6. August 2000 habe McCarrick beteuert, „niemals sexuelle Beziehungen mit einer Person – Mann oder Frau, jung oder alt, Kleriker oder Laie – gehabt zu haben“. Dieser Lüge sei Johannes Paul II. aufgesessen.

          Die Wahrheit im Gesamtüberblick

          Zugleich erteilt Tornielli Papst Franziskus, seinem gegenwärtigen Dienstherrn, eine Art Generalabsolution in der Causa McCarrick. Bis zum Jahre 2017 habe „keine detaillierte Anschuldigung“ gegen McCarrick mit Blick auf „Missbrauch oder Belästigung zu Schaden von Minderjährigen“ vorgelegen. Nachdem Franziskus aber von der ersten Anklage „eines zur Zeit der Ereignisse minderjährigen Opfers“ von McCarrick erfahren habe, habe der gegenwärtige Papst „schnell und entschlossen“ gehandelt: „Zuerst enthob er ihn der Kardinalswürde und entließ ihn dann aus dem Klerikerstand.“

          Kardinalstaatssekretär Parolin teilte am Dienstag mit, der Heilige Stuhl veröffentliche den Bericht „mit großem Schmerz über die Wunden, die diese Geschichte den Opfern, ihren Angehörigen, der Kirche in den Vereinigten Staaten und der Universalkirche zugefügt“ habe. Zugleich forderte er dazu auf, das Dokument in seiner Ganzheit wahrzunehmen und zu beurteilen. Niemand solle meinen, „die Wahrheit nur in dem einen oder dem anderen Abschnitt zu finden“. Nur mit einem „vollständigen Überblick und einer Gesamtkenntnis der rekonstruierten Entscheidungsprozesse hinsichtlich des ehemaligen Kardinals McCarrick wird man verstehen können, was geschehen ist“. Ob aber ein solcher Gesamtblick den faktischen Schuldspruch gegen den Heiligen Johannes Paul II. durch Kommunikationschef Tornielli vom Dienstag wird relativieren können, ist fraglich.

          Weitere Themen

          Abgezogene Botschafter kehren zurück Video-Seite öffnen

          USA und Russland : Abgezogene Botschafter kehren zurück

          Sein Gespräch mit US-Präsident Joe Biden sei „absolut konstruktiv“ verlaufen, betont der russische Staatschef Wladimir Putin in Genf. Sie hätten sich darauf geeinigt, die abgezogenen Botschafter Russlands und der USA an ihren jeweiligen Einsatzort zurückzuschicken.

          Monologe zum Dialog

          Gipfel mit Biden und Putin : Monologe zum Dialog

          Joe Biden und Wladimir Putin finden einige freundliche Worte füreinander. Inhaltlich aber gibt es in Genf keine Annäherung. Jetzt sollen Arbeitsgruppen weitersehen.

          Topmeldungen

          Guten Tag! Joe Biden und Wladimir Putin geben sich in Genf die Hand.

          Gipfel mit Biden und Putin : Monologe zum Dialog

          Joe Biden und Wladimir Putin finden einige freundliche Worte füreinander. Inhaltlich aber gibt es in Genf keine Annäherung. Jetzt sollen Arbeitsgruppen weitersehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.