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Angebliche Gratistransporte : Um jeden Preis nach Spanien

Ziel Europa: Jugendliche in Marokko versuchen auf einen Bus aufzuspingen. Bild: AFP

Seit einigen Wochen lockt ein Gerücht noch mehr junge Marokkaner an die Küste im Norden. Von Gratistransporten nach Spanien ist die Rede. Jetzt kam eine Studentin bei der Überfahrt ums Leben – weil Soldaten auf sie schossen.

          Auf dem Kurzfilm sieht es aus wie ein fröhlicher Ausflug. Die jungen Männer mit den Baseballkappen rufen „Viva España“ und fotografieren sich gegenseitig mit ihren Mobiltelefonen, während das Motorboot in Richtung Spanien losbraust. Auf marokkanischen Facebook- und Youtube-Seiten sind viele solcher Filmchen zu sehen. Seit einigen Wochen lockt ein Gerücht noch mehr junge Marokkaner an die Küste im Norden. Es genügt, dass jemand schreibt: „Kostenlose Boote nach Spanien.“ Dann strömen sie in Scharen an die Strände.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Hunderte verbrachten vor zwei Wochen in der Nähe der Mittelmeerstadt Al Hoceima eine Nacht am Ufer. Sie warteten bis zum Morgengrauen vergeblich auf die angekündigten Gratisschiffe. Normalerweise müssen sie den Schleppern ein kleines Vermögen für die Überfahrt nach Europa zahlen. „Das Volk verlangt kostenlose Boote“, skandierten sie am Strand von Martil. Sie imitierten damit Slogans aus den Tagen der Arabellion, als die Menschen in Marokko und der arabischen Welt für Demokratie und Freiheit demonstrierten. Immer mehr Marokkaner machen sich ohne Visum auf den Weg nach Spanien: Gut 6400 waren es schon in diesem Jahr.

          Kampf gegen Schmuggler soll verstärkt werden

          Die Migranten klammern sich an die kleinste Hoffnung. Sie hoffen zum Beispiel, dass sich wiederholt, was am Strand in der Nähe der Hafenstadt Tanger geschehen sein soll. Dort luden Rauschgiftschmuggler angeblich badende Jugendliche in ihre Schnellboote nach Spanien ein. In Badehosen gingen einige von ihnen an Bord, wie Aufnahmen im Internet zeigen.

          In Marokko rätselt man, was wirklich geschah: Nach Erkenntnissen der Polizei transportieren Schmuggler aus den spanischen Städten La Linea und Ceuta sowie aus Nordmarokko statt Rauschgift immer häufiger Menschen – für bis zu dreitausend Euro. Es wird darüber spekuliert, dass ihre Passagiere in Spanien die Kosten für die Fahrt später als Drogenhändler abarbeiten müssen. Die spanische Zeitung „El Mundo“ zitierte zwei Marokkaner, die berichteten, sie hätten keinerlei Gegenleistung erbringen müssen.

          Hayat Belkacem hatte vor gut zwei Wochen auch gehofft, dass sie nicht lange unterwegs sein wird. Gut sechshundert Euro hatte die 20 Jahre alte Studentin den beiden Rauschgiftschmugglern gezahlt, die sie und 17 weitere Marokkaner unter der Plane ihres hochmotorisierten Schnellboots versteckten. Doch die marokkanische Marine eröffnete das Feuer, als das Schiff auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht stoppte. Hayat Belkacem starb wenig später an ihren Verletzungen; drei weitere Passagiere wurden verwundet. Das war bisher noch nicht geschehen. Mehr als 1300 Boote passierten in diesem Jahr die Meerenge, ohne dass Soldaten auf sie schossen. Doch die marokkanische Regierung hatte zuvor angekündigt, ihren Kampf gegen Schmuggler zu verstärken.

          Proteste gegen die Regierung

          Der Tod von Hayat Belkacem hat den Zorn vieler junger Marokkaner auf ihren Staat geweckt. In sozialen Medien wird sie wie eine Märtyrerin verehrt. Die Jurastudentin aus einem Armenviertel von Tetuan wollte nach Spanien aufbrechen, um ihre Eltern und ihre fünf Geschwister zu unterstützen. Ihr Vater ist krank, ihre Mutter arbeitet für 130 Euro im Monat in einer Konservenfabrik.

          Diese sagte nach dem Tod ihrer Tochter: „Der Makhzen hat meine Tochter ermordet.“ Mit Makhzen ist der marokkanische Machtapparat mit König Mohamed VI. an der Spitze gemeint. In Tetuan gelobten Demonstranten, „Hayat zu rächen“. Schwarz gekleidet besuchten sie ein Fußballspiel, pfiffen die marokkanische Nationalhymne aus, schwenkten spanische Flaggen und riefen: „Wir verzichten auf unseren marokkanischen Pass.“

          Die Proteste erinnerten an den Tod des Fischhändlers Moucin Fikri im benachbarten Al Hoceima. Er war in einer Müllpresse zerquetscht worden, in der Behördenvertreter seine Ware vernichten wollten. Die Beamten hatten ihm vorgeworfen, Schwertfisch zu verkaufen, obwohl das zu dieser Jahreszeit verboten war. Um seine Ware zu retten, sprang Fikri in den Müllwagen und wurde erdrückt.

          Häuserabriss in Casablanca

          Für viele Marokkaner wurde er zu einer Symbolfigur. Für sie stellte die Polizeiaktion ein weiteres Beispiel für die Willkür und Arroganz korrupter Behördenvertreter dar, die viele beklagen. Seither entstand eine Protestbewegung, gegen die die Regierung mit großer Härte vorging. Viele Aktivisten wurden zu langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt.

          Die Sicherheitskräfte, die nun Journalisten vom Haus der Familie Belkacem fernhalten, um Kritik am Regime zu verhindern, können den Unmut nur schwer unter Kontrolle halten. Selbst der König hat erkannt, dass er mehr für die junge Bevölkerung tun muss, von der rund ein Drittel arbeitslos ist. Er kündigte eine Bildungsinitiative und die Wiedereinführung der Wehrpflicht an, mit der er die Jugend disziplinieren und weiterqualifizieren will. Aber dieser Plan lässt die Unzufriedenheit eher wachsen. Und nachdem in Casablanca die Häuser Tausender Menschen abgerissen worden waren, kündigten ihre Bewohner an, in Ceuta Asyl zu beantragen. Die von Marokko umgebene Stadt am Mittelmeer gehört zu Spanien. Dort sehen sie offenbar ihre Zukunft.

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