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Flüchtlinge auf Insel : Der Tag, an dem in Griechenland die Willkommenskultur starb

Gestrandet: Ein Flüchtling aus Pakistan schaut auf der griechischen Insel Chios einer Fähre zum Festland hinterher. Bild: AP

Der Horizont der griechischen Insel Chios wird von der türkischen Küste begrenzt. Von dort kamen die Flüchtlinge. Und es lief alles gut, bis die EU das sogenannte Türkei-Abkommen beschloss. Hier wird deutlich, warum die Griechen Tsipras abwählen.

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          Kein Scherz: Der Tag, an dem die Willkommenskultur auf Chios starb, war Freitag, der erste April 2016. So glaubt Manolis Vournous sich jedenfalls erinnern zu können. Seine Insel ist ein friedvoller Flecken Erde in der östlichen Ägäis, von einem blauen Passepartout aus Himmel und Meer eingefasst. Nur im Osten ist der Rahmen nicht blau, sondern grünlich, grau oder auch mal ockergelb, je nach Wetter und Tageszeit. Dort begrenzt die türkische Küste den Horizont. Sie ist so nah, dass die Windräder auf der anderen Seite zu erkennen sind. Lesbos oder Samos sind bei Touristen beliebter, und doch war Chios lange Zeit wohlhabender als die bekannteren Nachbarinseln. Das liegt an der starken Schifffahrtstradition hier und an den Mastixbäumen, die trotz vieler Versuche, sie anderswo anzusiedeln, fast nur auf Chios gedeihen, und auch dort nur im Süden der Insel. Sie bescheren ihren Besitzern seit Jahrhunderten Wohlstand. Mastixbäume werden auf Chios vererbt wie Häuser oder Grundstücke.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Manolis Vournous ist kein Mastix-Erbe. Er hat Architektur studiert in Athen, Venedig und York. In England spezialisierte er sich auf die Konservierung historischer Gebäude und kehrte nach Chios zurück, wo es viel alte Bausubstanz gibt. Mehr als dreieinhalb Jahrhunderte war Chios Teil des Osmanischen Reichs, davor gut zweihundert Jahre eine Kolonie Genuas. Vournous hätte sich wohl weiterhin allein dem Erhalt des osmanischen und genuesischen Erbes gewidmet, wäre Griechenland nach 2010 nicht in die größte Krise seit der Militärdiktatur getaumelt. Die alten Parteien gerieten im Zuge der Schuldenkrise in den Sog bürgerlicher Wut über Rentenkürzungen und Steuererhöhungen. Das Land suchte neue Köpfe, die nicht Teil des alten Systems waren. Manolis Vournous wollte Verantwortung übernehmen. Bei der Kommunalwahl im Mai 2014 kandidierte er auf Chios als Unabhängiger für das Amt des Bürgermeisters und wurde gewählt. Damals dachte er, die Finanzmisere sei die größte Krise, mit der er es zu haben würde.

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