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Pontifex in Burma : Der Papst spricht das R-Wort nicht aus

Setzt sich für Minderheiten ein: Papst Franziskus mit Aung San Suu Kyi Bild: RO/POOL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Papst Franziskus fordert bei seinem Besuch in Burma, dass alle Minderheiten geachtet werden sollten. Das reicht Menschenrechtler nicht aus – sie sind von dem Kirchenoberhaupt enttäuscht.

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          In einem protzigen Kongresszentrum wendete sich Papst Franziskus am Dienstag an das burmesische Volk. Zwar vermied es der Pontifex in der Retortenhauptstadt Naypyidaw, den Begriff „Rohingya“ öffentlich auszusprechen – wie ihm seine lokalen Vertreter geraten hatten. Allerdings forderte er, dass alle ethnischen Gruppen und ihre Identität geachtet werden müssten. Das schloss auch die 620.000 muslimischen Rohingya mit ein, die in den vergangenen Wochen aus Burma nach Bangladesch geflohen waren. „Religiöse Unterschiede sollten keine Quelle für Zwietracht und Misstrauen sein, sondern eine Kraft der Einheit, Vergebung, Toleranz und weisen Nationenbildung“, sagte der Papst vor in- und ausländischen Würdenträgern sowie Mitgliedern der Zivilgesellschaft.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Unmittelbar vor seiner Rede in Naypyidaw hatte sich der Pontifex auch mit der Staatsrätin Aung San Suu Kyi getroffen. Sie ist in den vergangenen Wochen aus dem Ausland scharf dafür kritisiert worden, dass sie angesichts der Verfolgung der muslimischen Rohingya durch das Militär weitgehend untätig geblieben war. Ob der Papst im Gespräch mit ihr noch deutlicher geworden ist, war zunächst nicht bekannt. Aber der darauffolgende gemeinsame Auftritt sprach dafür, dass er den Weg voraus nicht in einer Konfrontation, sondern in einer Annäherung sieht. So verwies Franziskus darauf, dass Burma und der Vatikan erst vor kurzem diplomatische Beziehungen aufgenommen haben. Die Burmesen bestärkte er in ihrem Weg, ein offeneres, gerechteres und demokratischeres Land aufzubauen.

          Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit

          Bevor der Papst vor das Pult gegangen war, hatte aber zunächst die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi selbst das Wort ergriffen. Auch in der Rede der „Lady“ fielen Worte wie Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Aber sie klangen aus ihrem Mund mehr wie vage Hoffnungen und nicht wie Grundsätze, die sich jeden Tag im Handeln von Bevölkerung und Regierung niederschlagen sollten. Konkret nannte sie den von Franziskus ebenfalls erwähnten Friedensprozess. Er soll zu einem Ende des Bürgerkriegs führen, der seit Jahrzehnten zwischen verschiedenen ethnischen Rebellengruppen herrscht. Die Rohingya sind von diesem Prozess ausgeschlossen. Zu der Lage im westburmesischen Bundesstaat Rakhine sagte Aung San Suu Kyi, sie sei nur eine von vielen Herausforderungen, vor denen ihr Land stehe.

          Die Staatsrätin kündigte allerdings an, dass langwierige soziale, wirtschaftliche und politische Probleme dort nun angegangen werden sollen. Das fordert die internationale Gemeinschaft schon seit längerem. Darüber hinaus verlangt vornehmlich der Westen, dass auf dem Weg zu einer Lösung dieser Probleme fundamentale Rechte geachtet werden. Der Papst erinnerte in seiner Rede daran, indem er darauf hinwies, dass der schwierige Prozess des Friedens und der Versöhnung zu schaffen sei, wenn die Menschenrechte respektiert werden. „Die Propheten der alten Zeit sahen das Recht als Basis für echten und langfristigen Frieden an“, sagte Franziskus. Diese Einsicht habe zusammen mit der Erfahrung zweier Weltkriege dazu geführt, die Vereinten Nationen zu gründen und die Menschenrechtsdeklaration zu erlassen.

          Sprachrohr einer besorgten internationalen Gemeinschaft

          Der Papst machte sich damit zum Sprachrohr einer besorgten internationalen Gemeinschaft, die das Vorgehen gegen die Rohingya als „ethnische Säuberungen“ sieht. Er erhob allerdings keine direkte Anklage gegen die burmesische Regierung. Daraus spricht auch die Sorge, dass sich scharfe Kritik negativ auf die Minderheit der Katholiken im Land auswirken könnte. In Burma leben weniger als 700.000 Katholiken. Es passt, dass der Papst nun ausgerechnet sie besucht. Seit Beginn seines Pontifikats hat er sich besonders für die Marginalisierten und die Unterdrückten eingesetzt. Der Kirche in Asien misst er besondere Bedeutung bei.

          Zugleich will der Papst die Rohingya als verfolgte „Brüder und Schwestern“ unterstützen und die Regierung auf ihrem Weg zu mehr Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit ermutigen. Die Fahrt, die dieser Wagen des Papstes am Dienstag durch die bis zu zwanzig Spuren breiten und meist menschenleeren Straßen von Naypyidaw genommen hat, erinnerte daran, wie jung der Wandel in Burma immer noch ist. Der Papst sprach das immense Leid an, dass die Menschen in Burma in den Jahren des Bürgerkriegs und der Feindschaft erlitten hätten und weiter erleiden müssten.

          Mit dem Vorgehen gegen die Rohingya riskiert das Land nun allerdings selbst, dass der Prozess der Transformation unter die Räder gerät. Nach Jahren der Euphorie über den demokratischen Neuanfang verbreitet sich ein dumpfer Nationalismus. Das Land wendet sich vom Westen ab und wieder dem Nachbarn China zu. Nachdem der Militärchef Min Aung Hlaing schon in der vergangenen Woche in China war, brach Aung San Suu Kyi am Montag zu einem kurzen Besuch dorthin auf.

          Rede des Papstes enttäuscht Menschenrechtler

          Menschenrechtler waren über die Rede des Papstes enttäuscht, weil er sich seine Wortwahl habe vorschreiben lassen. Dass es ihm nicht an Mitgefühl für die Rohingya mangelt, wird der Papst aber auch noch bei seiner Reise nach Bangladesch zeigen können. Dort wird er einige Angehörige der offiziell staatenlosen Volksgruppe treffen – im Zuge eines interreligiösen Dialogs in der Hauptstadt Dhaka. Eine ähnliche Zusammenkunft hatte auch am Dienstag in Rangun stattgefunden. Dort tauschte sich der Papst mit Vertretern verschiedener Religionen in Burma aus, darunter Buddhisten, Hindus, Juden, Muslime und Angehörige christlicher Gemeinschaften. Rohingya waren nicht dabei.

          Wie vielfältig die burmesische Bevölkerung ist, war deutlich geworden, als der Papst und Staatsrätin Aung San Suu Kyi im Kongresszentrum in Naypyidaw eingetroffen waren. Dort hießen sie Angehörige der ethnischen Gruppen in ihren bunten Trachten willkommen. Die weißen Gewänder des Papstes und das hellblaue Kleid Aung San Suu Kyi wirkten im Gegensatz dazu schlicht und zurückhaltend. Das passte dann auch gut zu ihren Reden.

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