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Der Papst in Burma : Auf heikler Mission

Katholiken begrüßen Papst Franziskus am Montag in Burma (Myanmar). Bild: dpa

Burmas Katholiken verfolgen mit Spannung, wie Papst Franziskus bei seinem Besuch die Vertreibung der Rohingya anspricht. Manche fürchten offenbar, selbst zum Ziel von Anfeindungen zu werden.

          Die kleine katholische Gemeinde in Burma hat sich alle Mühe gegeben, ihr Oberhaupt angemessen zu empfangen. In der Hafenmetropole Rangun standen seine Anhänger am Straßenrand, schwenkten Fähnchen und jubelten „Viva il Papa“. Überall in der Innenstadt hingen Schilder, auf denen der Papst mit dem Leitspruch für seinen Besuch – „Liebe und Frieden“ – willkommen geheißen wurde. Auch in der Hauptstadt Naypyidaw gab es bei seinem Besuch am Dienstag eine Zeremonie. Doch das freundliche Bild lässt nicht darüber hinweg täuschen, dass Franziskus mit seiner Reise ein politisches Minenfeld betreten hat. Mehr als 620.000 muslimische Rohingya sind in den vergangenen drei Monaten vor Gewalt aus Burma nach Bangladesch geflohen. Die Kritik aus dem Westen hat das Volk aufgebracht. Die Burmesen reagieren sensibel auf „Einmischung in die inneren Angelegenheiten“.

          Till Fähnders

          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Doch als moralische Autorität wird sich der Papst zu dem Thema wohl äußern müssen. Am Dienstag traf er noch vor seiner Abreise nach Naypyidaw erst einmal Vertreter der verschiedenen Religionen zu einem interreligiösen Dialog, darunter einige Muslime. Bei dem Gespräch in der Residenz des Erzbischofs sei es vor allem um die Einheit in Verschiedenheit gegangen, teilte Vatikansprecher Greg Burke im Anschluss mit. Als Geschwister wolle man am gemeinsamen Aufbau des Landes mitarbeiten. Meinungsverschiedenheiten sollten in brüderlicher Weise ausgetragen werden. Nur so könne man das Land in Frieden aufbauen. Unter den 17 Teilnehmern waren fünf Buddhisten, drei Muslime, zwei Hindus, sechs Christen und ein Jude.

          Ob und was der Papst-Besuch in Burma zu einer Verbesserung ihrer Lage beitragen kann, dürfte aber auch von seinem Treffen mit Aung San Suu Kyi abhängen, das ebenfalls für Dienstag geplant war. Die einstige Anführerin der Demokratiebewegung führt als „Staatsrätin“ heute faktisch die Zivilregierung des südostasiatischen Landes. Trotz ihrer anhaltenden Popularität in der Bevölkerung hat sie bisher nichts gegen den Hass auf die Rohingya getan. Direkt verantwortlich für die Morde, Vergewaltigungen und Vertreibungen der Rohingya ist allerdings ein anderer.

          Burma wendet sich vom Westen ab

          Als Oberbefehlshaber über die Streitkräfte hat vor allem der Militärchef Min Aung Hlaing die Macht, die Verfolgung der Rohingya zu beenden. Überraschend hatte Papst Franziskus ihn auch schon am Montag in Rangun getroffen. Das als Höflichkeitsbesuch deklarierte Treffen dauerte allerdings nicht länger als eine Viertelstunde. Ein Vatikansprecher sagte, es sei allgemein über die große Verantwortung gesprochen worden, die den Behörden in der Zeit der Transition zukomme. Auf Facebook schrieb der Militärchef, er habe dem Papst gesagt, dass es in Burma keine religiöse und ethnische Diskriminierung gebe. Das Militär sei bemüht, den Frieden wiederherzustellen. Den Papst zitierte er mit den Worten, der gegenseitige Respekt zwischen den Religionen könne beim Aufbau einer blühenden Nation helfen. Am Ende des Treffens habe der Papst dann noch für Frieden, Ruhe und Entwicklung Burmas gebetet.

          Burma hat sich nach Jahrzehnten der Militärherrschaft demokratische Reformen verordnet. Erst im Mai hatten die Regierung in Naypyidaw und der Vatikan diplomatische Beziehungen aufgenommen. Und so ist es auch der erste Besuch eines Papstes in dem Land. Trotz der Öffnung der vergangenen Jahre ist im Verlauf der Rohingya-Krise nun ein anderer Trend zu beobachten: Durch die starke Kritik an den „ethnischen Säuberungen“ wird das Land nationalistischer, wendet sich wieder vom Westen ab und dem großen Nachbarn China zu. Nachdem Militärchef Min Aung Hlaing schon in der vergangenen Woche in China war, war auch Aung San Suu Kyi am Montag kurzfristig zu einem Besuch dorthin aufgebrochen.

          Von allen Seiten wird nun genau hingehört, was der Papst sagt. Die Katholiken in Burma fürchten offenbar, dass sie selbst zum Ziel von Anfeindungen werden könnten, wenn sich der Papst direkt zu dem Thema äußert. Burmas Kardinal Charles Maung Bo hatte seinen Vorgesetzten sogar gebeten, die Bezeichnung „Rohingya“ gar nicht in den Mund zu nehmen. Er solle stattdessen lieber „Muslime aus dem Rakhine-Staat“ sagen. Das ist der Name, den auch die politische Führung von Staatsrätin Aung San Suu Kyi verwendet. Die Normalbevölkerung spricht dagegen meist von „Bengalen“. Die Bezeichnung „Rohingya“ ist mittlerweile ein Tabu.

          Allerdings hat der Papst in der Vergangenheit in dieser Frage kein Blatt vor den Mund genommen. Schon im Februar hatte er die Glaubensgemeinschaft dazu aufgefordert, für die Rohingya zu beten. Er sprach von einer „tiefen Verbundenheit“ mit den „Brüdern und Schwestern“. „Seit Jahren leiden sie. Sie wurden gefoltert, getötet, und das nur, weil sie ihre Traditionen und ihren muslimischen Glauben vorangebracht haben“, sagte Franziskus damals.

          Womöglich wird er die Krise auch am Dienstag noch bei einer Rede vor Behördenvertretern, Zivilisten und Diplomaten ansprechen. Ein Treffen mit Rohingya wird es aber erst in Bangladesch geben, aber nicht in einem der Flüchtlingslager. Das Gespräch soll in der Hauptstadt Dhaka stattfinden.

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