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Der Papst in Beirut : Das libanesische Gleichgewicht

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Ein libanesischer Priester auf dem Weg zur Messe, die Papst Benedikt am Sonntag an Beiruts „Waterfront“ hält Bild: AFP

Papst Benedikt XVI. beschwört in Beirut den Frieden zwischen den Religionen - und preist den Libanon als Beispiel für den ganzen Nahen Osten. Dabei teilt der sunnitisch-schiitische Riss selbst die Christen im Land.

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          Fadi Elali ist schon am frühen Morgen in Richtung Hauptstadt aufgebrochen. Hoch oben in den Bergen des seit mehr als anderthalbtausend Jahren von Christen besiedelten Libanon-Gebirges wohnt der Mittvierziger, der seine kleine Tochter auf den Schultern trägt. „Schau mal, wie viele Menschen!“, ruft der katholische Maronit ihr zu, während immer neue Gruppen Fahnen schwenkender Gläubiger Richtung Mittelmeerküste strömen. An Beiruts „Waterfront“ hält Papst Benedikt XVI. an diesem Sonntag die Abschlusspredigt seiner Libanon-Reise, und mehr als 300.000 Menschen sind gekommen.

          Für Elali ist es der erste Papstbesuch in seinem Land. Als Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. vor 15 Jahren zum letzten Mal den Libanon besuchte, war er zum Studium in Kanada. Eines habe sich seitdem nicht geändert, sagt der Katholik: „Wenn der islamische Extremismus Überhand gewinnt, werden wieder Tausende das Land verlassen.“ Viele Christen, von denen unzählige neben dem libanesischen einen zweiten Pass besitzen, teilen diese Sorge.

          Die vergangene Woche gab Anlass genug dazu. Die Welle antiwestlicher Proteste, die am Dienstag in Kairo mit einer Demonstration gegen den in den Vereinigten Staaten produzierten Film „Unschuld der Muslime“ begann, griff am Freitag auf den Libanon über. Im mehrheitlich von Sunniten bewohnten Tripoli nahe der syrischen Grenze setzten Randalierer zwei amerikanische Fast-Food-Restaurants in Brand und riefen „Wir wollen den Papst nicht!“. Ein Mensch wurde getötet – einer von dreizehn zwischen Benghasi, Tunis, Khartum und Sanaa. Keine hundert Kilometer südlich der Hafenstadt Tripoli landete fast zur gleichen Zeit Benedikt XVI. auf dem Beiruter Flughafen. Dort empfing ihn das einzige christliche Staatsoberhaupt der arabischen Welt, Libanons Präsident Michel Suleiman.

          Libanons Christen sind gespalten

          Auch der sunnitische Ministerpräsident Nadschib Miqati, der schiitische Parlamentsvorsitzende Nabih Berri, sowie geistliche Führer der 18 offiziell anerkannten Konfessionen des Landes waren auf dem Flughafengelände anwesend. Sie demonstrierten eine Einheit, die im politischen Alltag des einstigen Bürgerkriegslandes selten besteht: Wie im Irak und in Syrien verläuft der sunnitisch-schiitische Riss, der die Region teilt, mitten durch die politische Führung des Landes. Auch Libanons Christen sind deshalb gespalten. Auf der einen Seite gehören sie der von Saudi-Arabien, den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union unterstützten, sunnitisch dominierten 14. März-Bewegung an; auf der anderen stehen sie Schulter an Schulter mit der von Iran finanzierten schiitischen Hizbullah, die das so genannte 8. März-Bündnis anführt.

          Die von Generalsekretär Hassan Nasrallah geführte Parteimiliz konnte sich eine kleine Provokation denn auch nicht verkneifen. „Willkommen im Vaterland des Widerstands“, stand auf Schildern der schiitischen „Partei Gottes“ am Rande der Autobahn zu Beiruts Flughafen, die Benedikt XVI. bei Ankunft und Abreise passierte. Direkt neben den offiziellen Plakaten mit dem riesigen Bild des grüßenden Papstes erinnerte die vor dreißig Jahren von Iran gegründete Organisation so an die anhaltende Besetzung weniger Quadratkilometer libanesischen Landes durch Israel – und an den bewaffneten Kampf der Hizbullah gegen die im Frühjahr 2000 zum Rückzug aus dem Südlibanon gezwungene israelische Armee.

          Benedikt XVI. predigte eine andere Botschaft. „Leidenschaftlich am Aufbau des Friedens zu arbeiten, der notwendig ist für ein einträchtiges Leben unter Brüdern, welcher Herkunft und welcher religiöser Überzeugung auch immer sie sind“, fordert er am Ende seines Besuchs an Beiruts Mittelmeerufer. Kurz vor seiner Abreise nach Rom am Sonntagabend trifft er mit den Führern der zehn nichtkatholischen christlichen Glaubensgemeinschaften zusammen; bereits am Samstag empfing er muslimische Geistliche. „Das berühmte libanesische Gleichgewicht, das weiter Realität bleiben will, kann dank des guten Willen und des Engagements aller Libanesen fortdauern“, hatte der Papst direkt nach seiner Ankunft gesagt.

          Der Libanon als Modell für den ganzen Nahen Osten

          Immer wieder während seines Besuchs bezeichnete er das 1958 und von 1975 bis 1990 von Bürgerkriegen erschütterte Land als Modell des Zusammenlebens für den ganzen Nahen Osten. Es sei „nicht selten, dass man innerhalb einer Familie beide Religionen sieht“, sagte er nach einem Treffen mit politischen Führern im Präsidentenpalast. „Wenn das innerhalb einer Familie möglich ist, warum sollte das gleiche dann nicht für die Gesellschaft als Ganzes gelten?“ Schließlich bestehe „die Besonderheit des Nahen Ostens“ in seiner „jahrhundertelangen Mischung verschiedener Komponenten“.

          Komponenten freilich, die nicht zuletzt den Libanon immer wieder zerrissen haben. Empört über die antiwestlichen Proteste, die den von Vertretern aller Konfessionen begrüßten Papst-Besuch überschattet hatten, verurteilten geistliche Würdenträger und Politiker Tripolis die gewaltsamen Ausschreitungen. Die nordlibanesische Hafenstadt spiegelt die Konflikte des ganzen Landes im Kleinen wider – aufgrund seiner alawitischen Minderheit hat der Bürgerkrieg in Syrien hier die stärksten Auswirkungen.

          Zwar vermied Benedikt XVI. eine offene Parteinahme für das alawitische Minderheitenregime Präsident Baschar al Assads oder die Aufständischen, doch schon im Anflug nach Beirut hatte er den Arabischen Frühling als „eine positive Sache“ bezeichnet – eine Einschätzung, die Assad sicherlich nicht teilt. Auch sein Appell bei der Abschlusspredigt an Beiruts Mittelmeerufer, aufzuhören „den anderen als ein Übel anzusehen, das zu beseitigen ist“, stieß auf viele offene Ohren.

          Das am Ende der Andacht an die katholischen Bischöfe des Nahen Ostens übergebene, 2010 in Rom bei einer Sondersynode vorbereitete Apostolische Schreiben, begrüßte der maronitische Patriarch Bischara Butros Rai als „christlichen Frühling“, der die arabischen Aufstände 2011 vorbereitet habe. Für Maroniten wie den mit seiner Tochter aus den hoch über Beirut gelegenen christlichen Bergen angereisten Fadi Elali beinhaltet es eine klare Botschaft: Nicht auswandern sollten sie, sondern „für den Aufbau ihrer Heimat arbeiten“.

          Und Benedikts im Angelusgebet geäußerte Bitte um ein „Geschenks des Friedens für die Einwohner Syriens“ an Maria, „um die sich die Christen und die Muslime wieder finden“, dürfte gewissermaßen die vatikanische Art sein, das Vorgehen des syrischen Regimes zu verurteilen. Als Johannes Paul II. 1997 den Libanon besuchte, hatte dessen Staatssekretär den Vater des heutigen Präsidenten, Hafiz al Assad, noch um Erlaubnis für die Reise bitten müssen.

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