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Der Papst in Beirut : Das libanesische Gleichgewicht

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Benedikt XVI. predigte eine andere Botschaft. „Leidenschaftlich am Aufbau des Friedens zu arbeiten, der notwendig ist für ein einträchtiges Leben unter Brüdern, welcher Herkunft und welcher religiöser Überzeugung auch immer sie sind“, fordert er am Ende seines Besuchs an Beiruts Mittelmeerufer. Kurz vor seiner Abreise nach Rom am Sonntagabend trifft er mit den Führern der zehn nichtkatholischen christlichen Glaubensgemeinschaften zusammen; bereits am Samstag empfing er muslimische Geistliche. „Das berühmte libanesische Gleichgewicht, das weiter Realität bleiben will, kann dank des guten Willen und des Engagements aller Libanesen fortdauern“, hatte der Papst direkt nach seiner Ankunft gesagt.

Der Libanon als Modell für den ganzen Nahen Osten

Immer wieder während seines Besuchs bezeichnete er das 1958 und von 1975 bis 1990 von Bürgerkriegen erschütterte Land als Modell des Zusammenlebens für den ganzen Nahen Osten. Es sei „nicht selten, dass man innerhalb einer Familie beide Religionen sieht“, sagte er nach einem Treffen mit politischen Führern im Präsidentenpalast. „Wenn das innerhalb einer Familie möglich ist, warum sollte das gleiche dann nicht für die Gesellschaft als Ganzes gelten?“ Schließlich bestehe „die Besonderheit des Nahen Ostens“ in seiner „jahrhundertelangen Mischung verschiedener Komponenten“.

Komponenten freilich, die nicht zuletzt den Libanon immer wieder zerrissen haben. Empört über die antiwestlichen Proteste, die den von Vertretern aller Konfessionen begrüßten Papst-Besuch überschattet hatten, verurteilten geistliche Würdenträger und Politiker Tripolis die gewaltsamen Ausschreitungen. Die nordlibanesische Hafenstadt spiegelt die Konflikte des ganzen Landes im Kleinen wider – aufgrund seiner alawitischen Minderheit hat der Bürgerkrieg in Syrien hier die stärksten Auswirkungen.

Zwar vermied Benedikt XVI. eine offene Parteinahme für das alawitische Minderheitenregime Präsident Baschar al Assads oder die Aufständischen, doch schon im Anflug nach Beirut hatte er den Arabischen Frühling als „eine positive Sache“ bezeichnet – eine Einschätzung, die Assad sicherlich nicht teilt. Auch sein Appell bei der Abschlusspredigt an Beiruts Mittelmeerufer, aufzuhören „den anderen als ein Übel anzusehen, das zu beseitigen ist“, stieß auf viele offene Ohren.

Das am Ende der Andacht an die katholischen Bischöfe des Nahen Ostens übergebene, 2010 in Rom bei einer Sondersynode vorbereitete Apostolische Schreiben, begrüßte der maronitische Patriarch Bischara Butros Rai als „christlichen Frühling“, der die arabischen Aufstände 2011 vorbereitet habe. Für Maroniten wie den mit seiner Tochter aus den hoch über Beirut gelegenen christlichen Bergen angereisten Fadi Elali beinhaltet es eine klare Botschaft: Nicht auswandern sollten sie, sondern „für den Aufbau ihrer Heimat arbeiten“.

Und Benedikts im Angelusgebet geäußerte Bitte um ein „Geschenks des Friedens für die Einwohner Syriens“ an Maria, „um die sich die Christen und die Muslime wieder finden“, dürfte gewissermaßen die vatikanische Art sein, das Vorgehen des syrischen Regimes zu verurteilen. Als Johannes Paul II. 1997 den Libanon besuchte, hatte dessen Staatssekretär den Vater des heutigen Präsidenten, Hafiz al Assad, noch um Erlaubnis für die Reise bitten müssen.

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