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Der Papst im Heiligen Land : Franziskus sucht die Balance

Franziskus mit Rabbi Shmuel Rabinovitch Bild: REUTERS

Dieser Papst ist anders als seine Vorgänger: Dem Gründer des Zionismus erweist er die Ehre. Er trifft Palästinenser, die unter der Besatzung leiden. Und er zeigt seine Nähe zu den Opfern palästinensischen Terrors.

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          Am Ende werden vor allem Bilder und Gesten der Pilgerfahrt von Papst Franziskus in Erinnerung bleiben. Dazu wird die Aufnahme gehören, die am Montagmorgen an der Klagemauer entstand. Nachdem er still gebetet hatte und einen Zettel mit dem Vaterunser auf Spanisch in die Ritzen der Stützmauer des zerstörten jüdischen Tempels geschoben hatte, umarmte Franziskus seine beiden Reisebegleiter. Der Rabbiner Abraham Skorka und der Imam Omar Abboud kommen wie er selbst aus Argentinien. Bewegt und mit Tränen in den Augen blickten die drei Männer einander an und bezeugten, dass Freundschaft auch über religiöse Grenzen hinweg möglich ist.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Zu den Bildern, die in Israel in Erinnerung bleiben werden, gehört der Kranz, den Franziskus am Grab von Theodor Herzl niederlegte, dem Begründer der zionistischen Bewegung. Franziskus ist der erste Papst, der zu dieser Geste bereit ist, die sonst zum Protokoll für Staatsbesuche gehört. Im Jahr 1904 hatte Theodor Herzl Papst Pius X. besucht und ihn gebeten, seinen Einsatz für einen jüdischen Staat zu unterstützen. Doch der Papst wies ihn zurück. Die Juden hätten nicht „unseren Gott anerkannt, deshalb können wir nicht das jüdische Volk anerkennen“, sagte Pius X. damals. Mit der Kranzniederlegung an Herzls Grab schließe sich ein „hundertjähriger Kreis“, sagt der frühere israelische Vatikan-Botschafter Oded Ben-Hur.

          Besuch auf dem Felsendom: Der Papst grüßt den Großmufti von Jerusalem, Muhammad Ahmad Hussein Bilderstrecke

          Auf dem israelischen Nationalfriedhof stoppte Franziskus auf dem Herzl-Berg auch noch kurz an der Gedenkstätte für israelische Terroropfer. In Bethlehem hatte der Papst am Sonntag Palästinenser getroffen, deren Familien besonders unter dem Nahostkonflikt leiden. In Jerusalem zeigte er nun seine Nähe zu den Opfern des palästinensischen Terrors. In der israelischen Presse hatte es geheißen, Netanjahu habe das angeregt, nachdem Franziskus am Sonntag kurz an der israelischen Sperranlage gebetet hatte, die Bethlehem von Jerusalem trennt. Tatsächlich aber passen diese Gesten zu dem Papst; sie müssen ihm nicht abverlangt werden. Franziskus stellt sich von selbst stets auf der Seite der Schwachen, Armen und Leidenden. Der Rabbiner Skorka hatte zuvor über die Reiseplanung seines Freundes Franziskus gesagt, dass es dem Papst um so viel „Balance“ zwischen Israelis und Palästinensern wie möglich gehe.

          Vom Herzl-Berg aus fuhr er in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Seinem Vorgänger Benedikt war vor fünf Jahren in Israel vorgehalten worden, dass er dort in seiner Rede die Zahl der sechs Millionen ermordeten Juden nicht erwähnt habe. Auch Franziskus verzichtete darauf. Das lag nicht nur daran, dass er das schon am Flughafen von Tel Aviv nach seiner Landung getan hatte. Nach Aussagen seiner geistlichen Begleiter aus Rom, sei jedes Opfer der Naziverfolgung eines zu viel. Daher sei die Zahl nicht entscheidend, sondern die „Anmaßung“ des Menschen, sich „zum Herrn über Gut und Böse zu machen“, wie der Papst am Montag in Yad Vashem in Anwesenheit von Präsident Schimon Peres und Ministerpräsident Netanjahu ausführte.

          Dieser Papst ist anders

          Franziskus zitierte die biblischen Worte Gottes „Adam, wo bist du“ und sagte, in der Jerusalemer Gedenkstätte klinge der ganze Schmerz des göttlichen Vaters nach, der seinen Sohn verloren habe. Nicht einmal Gott habe sich wohl einen „solchen Abgrund vorstellen können“. In den Todesschwadronen der Nazis und den Gaskammern der Konzentrationslager sei der mordende Mensch nicht mehr erkennbar gewesen: „Wer bist du, o Mensch, wer bist du geworden? Zu welchem Greuel bist du fähig gewesen?“ Dieser Mensch stamme nicht von der Erde, „vom Ackerboden, aus dem Gott ihn gemacht hat“, denn die Erde sei gut, ein Werk der göttlichen Hände. Die Täter hätten nicht nur den Bruder gefoltert und getötet, sondern jedes Opfer sich „selbst dargebracht“ und sich so „zum Gott erhoben“. Der Papst bat Gott um Erbarmen: „Du, Herr, unser Gott, bist im Recht; uns aber treibt es die Schamröte ins Gesicht, die Schande.“

          Dieser Papst unterscheidet sich von seinen Vorgängern: Benedikt XVI. stammt aus dem Land der deutschen Täter, die anderen früheren Päpste aus Europa, dem Schauplatz der Schoah - Franziskus kommt dagegen aus Lateinamerika. Er ist auch der erste Papst, der ein Kind war, als die Nationalsozialisten herrschten. In Yad Vashem handelt er jedoch wieder aus seinem Herzen heraus und verneigt sich vor den Opfern wie eine betroffene Seele. In Jerusalem erzählen ihm sechs Überlebende ihre Geschichte. Franziskus küsst ihnen die Hände.

          Auch diese Bilder werden nicht so schnell in Vergessenheit geraten – im Unterschied zu den anderen Aufnahmen des langen letzten Reisetages, an dem er den Großmufti genauso aufsuchte, wie die beiden jüdischen Oberrabbiner. Zwei seiner nahöstlichen Gastgeber wird Franziskus schon bald im Vatikan willkommen heißen. Nach dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas nahm auch der israelische Staatschef Schimon Peres seine Einladung zu einem gemeinsamen Friedensgebet in Rom an. Schon Anfang Juni soll dieses Gipfeltreffen stattfinden, das Franziskus erst am Sonntag am Ende seiner Messe in Bethlehem vorgeschlagen hatte.

          Christen im Heiligen Land eine Minderheit

          Papst Franziskus ist der vierte Papst, der ins Heilige Land gereist ist. Am Montagabend kehrt er nach Rom zurück. In Israel leben nach Angaben des Statistikamts 161.000 Christen, das sind etwa zwei Prozent der Bevölkerung. Unter den 1,7 Millionen arabischen Staatsangehörigen, die insgesamt 20 Prozent aller Israelis ausmachen, ist ihr Anteil neben der muslimischen Mehrheit mit acht Prozent sehr niedrig.

          Es leben nicht nur arabische Christen im Heiligen Land: Etwa zwanzig Prozent der israelischen Christen stammen aus der früheren Sowjetunion, andere sind als Pflegekräfte nur für kürzere Zeit im Land.

          Während die Zahl der Christen in Israel im vergangenen Jahr leicht stieg, ist sie in den palästinensischen Autonomiegebieten rückläufig. Verlässliche Angaben gibt es nicht. Einige schätzen ihre Zahl auf 50.000 - weniger als zwei Prozent der Bevölkerung. Im Gazastreifen, den die islamistische Hamas regiert, leben etwa 2000 Christen. Viele Christen aus Gaza und dem Westjordanland zogen in den vergangenen Jahren weg, weil ihre Lebensbedingungen wegen israelischer Besetzung und Abriegelung immer schwieriger wurden. Es häufen sich auch Klagen über Anfeindungen und Übergriffe durch Muslime. Das zeigt sich besonders drastisch in Bethlehem, wo Franziskus auf dem Krippenplatz eine Messe hielt. Dort stellten die Christen früher 80 Prozent der Einwohner. Mittlerweile ist ihr Anteil auf wohl weniger als 20 Prozent gesunken. (hcr.)

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