https://www.faz.net/-gpf-880uu

Der Papst besucht Kuba : Im Land des verlorenen Glaubens

  • -Aktualisiert am

Der Heimat ganz nah: Ein herzliches Willkommen für den Papst in Havanna Bild: dpa

Der Papst ist unterwegs nach Kuba. Mitten im Alltag des Zerfalls fällt ein Lichtschein der Hoffnung auf die Karibikinsel. Aber wird der Pontifex in dem sozialistischen Staat mehr sehen als potemkinsche Dörfer?

          In sich versunken, kniet die ältere Frau vor dem Altar der Madonna. Sie hat ihre Hände gefaltet und richtet ihren Blick zum lächelnden Gesicht der Mutter Gottes hinauf, auf das blauweiße Gewand und das wallende Haar unter dem Schleier. In der Kirche Unserer Señora del Carmen an der Neptun-Straße in Havanna ist es heiß und schwül. Daran können auch die Ventilatoren nichts ändern. Die Luft riecht nach Staub und Weihrauch. Als sich die Frau erhebt, bettelt sie um Geld. Die Frau lächelt und geht Richtung Ausgang. „Ich warte nicht auf den Papst“, sagt sie. „Kaum einer hier wartet auf ihn; es ist der dritte Papstbesuch, wohl nur eine dritte unerfüllte Hoffnung.“

          Auf der Straße schlägt einem die Stadtluft wie eine heiße Wand entgegen. Die Motoren der Wagen auf den Straßen, die meist dreißig Jahre oder älter sind, ziehen pechschwarze Auspuffwolken hinter sich her. Nicht weit von der Kirche entfernt liegt Abfall auf der Straße. Süßlicher Gestank von verdorbenem Gemüse und Fleisch dringt herüber. Nur weg von hier. „Wollen Sie mitkommen?“ Die Frau trägt eine weiße ärmellose Bluse, einen langen weißen Rock und Gummilatschen an den Füßen. Sie wohnt nicht weit von ihrer Kirche entfernt in der Concordia-Straße. Dort gehört der Familie von Clara di Miguel Diaz ein Haus.

          Gut zwei Millionen Menschen leben in Kubas Hauptstadt Havanna unter meist engen und ärmlichen Verhältnissen. Immer wenn ein Papst kommt, scheint ein Lichtschein der Hoffnung auf die Karibikinsel; aber nach der Abreise hat sich bislang stets der Alltag des Verfalls wieder durchgesetzt. 1998 öffnete Johannes Paul II. Fidel Castros Reich für die Kirche, und die Kubaner durften wieder Weihnachten feiern. 2012 konnte Benedikt XVI. bei Fidels Nachfolger als Staatschef, dessen Bruder Raúl, auch den Karfreitag als Feiertag durchsetzen. Benedikt forderte Freiheit und Menschenrechte. Jetzt will sich Franziskus dafür einsetzen, dass die Kirche wieder eigene Bildungseinrichtungen erhält.

          Eine Amnestie und ein aufgehübschtes Stadtbild

          Wie immer, wenn ein Papst kommt, hat das Regime Inhaftierte amnestiert. Diesmal sollen es mehr als 3000 Menschen sein; aber noch hat sich keiner in Freiheit gemeldet. Es handle sich um Ältere, um gemeine Straftäter und Personen, die bald ohnedies freikämen, heißt es. Wie bei jedem Papstbesuch werden die Straßen gesäubert und die Häuserwände saniert, die der Papst am Wochenende sehen wird. Wieder gehört dazu der große Aufmarschplatz, wo zu den Abbildern der Revolutionshelden Che Guevara und Camilo Cienfuegos ein Jesus-Poster gekommen ist. Aufgehübscht wird auch die Umgebung der Herz-Jesu-Kirche, die der Orden des Papstes, die Jesuiten, zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichteten. Im Übrigen dürfen die Benediktiner ein Ordenshaus bauen; und erstmals seit der Revolution wurde die Errichtung zweier neuer Gemeindekirchen genehmigt. Die Altstadtstraßen Neptuno und Concordia sieht der Papst nicht. Dort bleibt alles, wie es ist.

          Alltag des Verfalls in Havanna: Wird der Papst in Havanna auch diese Bilder sehen?

          Señora Clara hält vor einem dreistöckigen Gebäude, das einmal weiß und mit dem Schmuck der Kolonialzeit stuckiert war. Jetzt ist der Bau grau und der Stuck zerbröckelt. Die vergitterte Tür zur Wohnung auf Straßenhöhe ist offen. Dahinter sitzt eine Frau vor einer Nähmaschine: „Meine Tochter Manuela“. Die Tochter ist Näherin, sie wartet auf Kunden: Es sei bald zwölf Uhr, aber noch sei niemand erschienen. Ihre Mutter geht eine steile Stiege hinauf. Die erste Etage ist unbewohnt. Dort sind Wände eingestürzt oder abgebrochen worden. „Hier baut mein Sohn seit Jahren“, sagt Señora Clara mit resignierter Stimme und weist in der nächsten Etage in einen Raum, in dem ein alter Mann im Rollstuhl vor laufendem Fernseher sitzt: „Mein alter Vater.“

          „Warten auf die Amerikaner“

          Als die Castros 1961 das sozialistische Kuba errichteten, war Señor di Miguel Diaz ein wohlhabender Geschäftsmann, der einen amerikanischen Konzern vertrat. Die Vereinigten Staaten belegten Kuba mit einem Embargo, und der Konzern verließ das Land. „Seitdem wartet Vater darauf, dass die Amerikaner wiederkommen“, sagt Señora Clara.

          Papst Franziskus will mit seinem Besuch in Havanna die Überwindung des Embargos anstoßen, nachdem Havanna und Washington vor Monaten ihre Beziehungen normalisierten. Über der amerikanischen Botschaft an der Küstenstraße, dem Malecón, weht nun wieder die amerikanische Flagge. Noch aber sind nur das Personal aufgestockt und ein Geschäftsträger angekommen. Über das Embargo wird erst der Kongress in Washington entscheiden, und „solange dort noch Exilkubaner Einfluss haben, wird der Boykott gewiss nicht gekippt“, sagt der Vater von Señora Clara.

          Ähnlich sieht das auch der Rabbiner Yoel Cohen, ein in Amerika lebender Enkel von Kuba-Flüchtlingen, der in den Ferien oft in die Heimat der Eltern kommt, um die 120 jüdischen Familien in Havanna zu betreuen. Die Amerikaner wollten zwar gerne in Kuba Geschäfte machen, sagt er, aber „die alte Generation hasst nicht nur den Kommunismus; sie will auch mit diesem Regime niemals die völlige Versöhnung“. Hier wie dort müsse erst eine neue Generation an die Macht kommen. Ob Kuba den Papst freudig erwarte? „Als Unterbrechung im grauen Alltag - ja, aber nicht mehr“, sagt der junge Rabbiner. Nur etwa zwei Prozent der Kubaner seien Kirchgänger. „Die Masse glaubt an nichts mehr!“

          „Wir tun so, als ob wir arbeiten“

          Mit dem amerikanischen Boykott begann für Familie Miguel Diaz ein langes Darben, das bis heute nicht enden will. Während sich der Vater verbittert vor den Fernseher zurückzog, musste Schwiegertochter Señora Clara die junge Familie mit drei Kindern allein großziehen; ihr Mann kam bei einem Verkehrsunfall früh zu Tode. Tochter Manuela brach ihr Studium ab, fand nie einen Mann und blieb als Näherin zu Hause. Sohn Manuel habe Wirtschaft studiert und arbeite bei der Staatsbank, erzählt Señora Clara, und dann betritt Manuel den Raum: „Der Staat tut so, als ob er uns bezahlt; und wir tun so, als ob wir arbeiten“, sagt der rund vierzig Jahre alte Mann im kurzärmeligen weißen Hemd. Er habe es geschafft, wieder etwas Zement für den Bau der Wohnung unten zu ergattern, sagt er der Mutter. Das soll sie wohl freuen, aber sie fragt: „Willst du wirklich bauen?“ Dann erzählt sie, am liebsten wolle der Sohn mit der Familie auswandern.

          Seit 2013 müssen Kubaner bei der Regierung keine Ausreisegenehmigungen mehr beantragen - aber nicht jeder bekommt einen Reisepass. Seitdem sollen 50.000 Kubaner ausgewandert sein. Pass und Ausreisevisum kosten pro Person 1000 Dollar, und auf so viel Geld muss Manuel noch lange warten. Dann kommt der andere Sohn, Alvaro, nach Hause. Er ist Taxifahrer und trägt ein Unterhemd, darunter ist eine Tätowierung auf dem Oberarm zu sehen, offenbar handelt es sich um das Wappen der Familie. Als 2013 der Import von Pkw erlaubt wurde, habe Alvaro zuschlagen wollen. Doch die Importsteuer beträgt das Fünffache des Kaufpreises, und so wartet auch er wie die gesamte Familie, wie ganz Kuba auf das Ende des amerikanischen Embargos. Alvaro fährt den Besucher mit seinem knatternden Oldtimer heim. Er zieht schwarze Abgase hinter sich her. „Auf den Papst wartet hier wohl nur die Kirche und vielleicht die Castros, um in der Welt einen guten Eindruck zu machen“, sagt Alvaro.

          Washington lockert Beschränkungen Unmittelbar vor der Reise des Papstes nach Kuba und in die Vereinigten Staaten hat Washington die Beschränkungen für Kuba-Reisen und geschäftliche Aktivitäten in dem kommunistischen Staat weiter gelockert. Es gibt nun keine Obergrenzen für Geldgeschenke an Kubaner mehr. Amerikanische Unternehmer, die Kubas Telekommunikationsnetz ausbauen wollen, dürfen auf der Insel künftig Büros und Lagerhallen betreiben sowie Gemeinschaftsunternehmen mit kubanischen Firmen gründen. Zudem gestattet es die amerikanische Regierung ihren Bürgern, in Kuba Bankkonten zu eröffnen. Softwarefirmen dürfen kubanische Programmierer beschäftigen und deren Produkte importieren. Washington erlaubt nun auch Schiffsreisen nach Kuba. Allerdings scheint Havanna vorerst keine Fährverbindung nach Florida zu wünschen. Amerikanische Touristen ohne Verwandtschaft auf der Insel dürfen ohnehin nicht nach Kuba reisen. Handelsministerin Penny Pritzker sagte, Washington wolle die Entstehung des kubanischen Privatsektors unterstützen. Viele Kubaner, die einen Kleinbetrieb gründen wollen, scheitern daran, dass sie keine Genehmigung ihrer Regierung erhalten. Der Zufluss amerikanischen Geldes dürfte einerseits eine schwer kontrollierbare Dynamik entfalten. Andererseits erhält das Castro-Regime dadurch Devisen, denn es verlangt hohe Steuern und Abgaben. Präsident Barack Obama ist entschlossen, die Regeln so weit zu lockern, wie es ohne Zustimmung des Kongresses möglich ist. Dort gibt es keine Mehrheit für seine Öffnungspolitik. (anr.)

          Weitere Themen

          Am Ende der Straße

          Bei den Cree in Kanada : Am Ende der Straße

          Eeyou Istchee ist das Land der Cree-Indianer. Die Region liegt im Norden von Quebec, sie ist größer als Deutschland, nur 18.000 Menschen leben hier: Eine Reise an die Gestade der James Bay.

          Das Ende der Einsamkeit Video-Seite öffnen

          Insel Sokotra im Jemen : Das Ende der Einsamkeit

          Der Artenreichtum der Insel Sokotra hat sie zum Weltkulturerbe gemacht. Doch das Paradies ist von politischen Verwerfungen bedroht: Die Hilfe aus Saudi-Arabien und den Emiraten ist auch ein Zeichen von Autoritätsverlust.

          Topmeldungen

          Ehemaliger Lebensmittelladen in Loitz: Der Solidaritätszuschlag dient in erster Linie zur Finanzierung der Kosten, die die deutsche Wiedervereinigung verursacht hat. (Archiv)

          Wortbruch der Union : Soli-Schmerzen

          Dass ein Teil des Soli bleibt, dürfte für die Betroffenen finanziell zu verschmerzen sein. Nicht aber der Wortbruch der Union – und das bittere Gefühl, dass ihr Sondereinsatz für das Land nicht einmal wertgeschätzt wird.
          Trotz Sanktionen: Schweißer arbeiten Anfang April im Karosseriebau des Mercedes-Benz Werks im Industriepark Jessipowo bei Moskau

          Russland-Sanktionen : Der Preis des Zurückweichens

          Die Russland-Sanktionen waren ein Signal. Deren Aufhebung wäre es erst recht – die EU würde damit demonstrativ vor Moskaus Politik der Gewalt und Drohung zurückweichen.

          FAZ Plus Artikel: Youtube : Die neue Mündlichkeit

          Rezos Video rechnet mit Lesern, die lesen können, aber meistens nicht gelesen haben, was er für sie gelesen hat. Wie Youtube das Verhältnis von gesprochenem Wort, Schrift und Wissen verändert.
          Der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Olivier Blanchard. (Archiv)

          EZB-Konferenz in Sintra : „Es gibt keine Schuldenkrise“

          Die Eurozone braucht eine expansive Finanzpolitik und weniger strenge Schuldenregeln, sagt der Ökonom Olivier Blanchard bei der EZB-Konferenz in Sintra. Strukturreformen alleine genügten nicht, um das Wirtschaftswachstum zu beleben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.